Mitteilungen des Österreichischen Staatsarchivs 12. (1959)

PILLICH, Walter: Kunstregesten aus den Hofparteienprotokollen des Obersthofmeisteramtes von 1638–1780

Rezensionen 485 Wenn Professor Martin Göhrings Buch Bismarcks Erben sich auch an ein weiteres Publikum wendet, so ist es nicht minder für den Fachmann wichtig. Es ist eben eine großzügige und gelehrte Darstellung der deutschen Außenpolitik seit Bismarcks Abgang. (Im Titel übrigens kommt diese Be­tonung der Außenpolitik nicht zum Ausdruck.) Es ist interessant, daß vor kurzem ein amerikanisches Buch ähnlichen Themas erschienen ist, Gordon Craig, From Bismarck to Adenauer: Aspects of German Statecraft (Baltimore, 1959), das einen interessanten Vergleich mit Göhrings Buch anregt. Jede Abhandlung dieser Epoche deutscher Außen­politik muß sich zwangsläufig mit dem Niedergange der deutschen Staats­kunst nach Bismarck befassen. So ist es ganz sinngemäß, daß Göhring sei­ner Darstellung eine Wiedergabe der berühmten Punch-Zeichnung „Der Lotse verläßt das Schiff“ voraussetzt. Es besteht doch kein Zweifel, nicht einmal unter den vielen und vielartigen Kritikern Bismarcks, daß Bismarck ein einmaliger Staatsmann war, daß es ihm gelungen ist, ein kontinentales Koalitionssystem zu errichten, das Deutschland eine Stellung von Macht und Bedeutung einräumte. Die Schuld für den Verfall der deutschen Außen­politik trifft das „persönliche Regiment“ des Kaisers, seine planlose, „säbel­rasselnde“, „großmäulige“ Politik, die keine Politik war und die Deutsch­land im Schlepptau Österreichs in den ersten Weltkrieg verwickelte. Das Deutschland des Versailler Diktates (mit dem letzteren befaßt der Verfasser sich eingehend, pp. 138—148, im Gegensatz zu jenem anderen Diktat von Brest-Litovsk, das kurz und bündig „hart“, aber doch „konstruktiv“ (!) bezeichnet wird, p. 125) war ganz unzweideutig das Deutschland des De­pressionsgebietes, von dem Meinecke einmal schrieb. Dennoch fand es ge­rade in dieser schweren Zeit noch einmal eine außenpolitische Leitung in Stresemann und Brüning, die sich mit Bismarck vergleichen konnte. Die Opposition von rechts und links, die anderen europäischen Mächte haben ihnen ihre Aufgabe nicht leicht gemacht. Stresemann starb unvollendet im Oktober 1929; Brüning, „die letzte markante Gestalt der Weimarer Repu­blik“ (p. 199), mußte „hundert Meter vor dem Ziel“ die Waffen strecken. Mit dem Sturz Brünings nahm die eigentliche Tragödie ihren Anfang, die über die größenwahnsinnige Eroberungs- und Vernichtungspolitik Hitlers zur deutschen Katastrophe führte. Die Deutung Göhrings bedarf aber einer Korrektur, die grundlegend bei seinem Bismarckbild anfangen muß. Bismarck war einmalig, doch hat er eine politische Ethik gehabt? Stark ist in letzter Zeit von L. von Murait, ja auch von Hajo Holborn, die Religiosität Bismarcks unterstrichen wor­den; doch inwieweit hat sie den Staatsmann Bismarck beeinflußt? Kann man ohne Einschränkung von einer „Friedenspolitik“ (p. 10) Bismarcks sprechen? Im Gegensatz zu Göhring setzt Craig mit der Suche nach der Verantwortung für die spätere Entwicklung bei Bismarck selbst an. Wenn auch Bismarck einer ganz anderen Welt als Hitler angehört hat, hat er doch ein verhängnisvolles Vermächtnis zurückgelassen; das System Bis­marcks baute sich auf Virtuosität und nicht auf ein politisches Ethos auf, und in der Durchführung seiner Politik zwang Bismarck seine Botschafter — und mehr, das ganze deutsche Volk — in die Rolle von Jasagern. Zweifellos, Göhrings Band reiht sich mit in die stets anwachsende Lite­

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