Mitteilungen des Österreichischen Staatsarchivs 12. (1959)

MECHTLER, Paul: Erinnerungen des Dr. Karl Freiherrn von Banhans (1861–1942)

Erinnerungen des Dr. Karl Freiherrn von Banhans (1861—1942) 413 Fall, daß ich für die Präsidentenstelle optieren sollte, die Generaldirektors­stelle bei den Bundesbahnen anstreben würde. Wenige Stunden später kam die telegraphische Einladung des Verkehrsministers Dr. Schürff an mich, nach Wien zu kommen. Dr. Schürff wollte mich sprechen, ehe ich zum Bundeskanzler ging, um mich für seinen Vorschlag zu gewinnen, der dahin ging, mich zum Präsidenten der Verwaltungskommission und den gewese­nen Unterstaatssekretär Ing. von Enderes zum Generaldirektor der Bundes­bahnen ernennen zu lassen. Wir sprachen ganz offen miteinander und ich äußerte mein Bedenken, daß diese Kombination schwerlich allgemeinen Anklang finden werde, da ja der neue Wirtschaftskörper nach kaufmänni­schen Grundsätzen verwaltet werden soll, während ich und Enderes zwei Eisenbahnfachmänner wären. Da erfuhr ich nun, daß Dr. Kienböck, der Finanzminister, diese meine Ansicht auch beim Bundeskanzler vertrat, und daß er Dr. Georg Günther, den Führer des industriellen Konzerns der Bodenkreditanstalt zum Präsidenten und mich zum Generaldirktor und Vor­sitzenden des verantwortlichen Vorstandes der Bundesbahnen in Vorschlag gebracht hätte. Die Frage, ob ich geneigt sei, diese Kombination zu akzep­tieren, verneinte ich, weil ich der Ansicht war, daß Dr. Günther einen aus­gesprochenen autoritären Charakter besäße, der sicherlich als Präsident die Gestion des Generaldirektors diktatorisch beeinflussen würde, wozu ich mich nicht hergeben könnte. Dr. Schürff, der dies einsah, bat mich, meinen Besuch beim Bundeskanzler Dr. Seipel auf den morgigen Tag zu verschieben, da er mit diesem und Dr. Kienböck vorher nochmals konferie­ren wolle. Die Verhandlungen mit mir zerschlugen sich. Dr. Günther wurde als Präsident der Verwaltungskommission, und der von mir vor­geschlagene Hofrat Siegmund, ein äußerst korrekter und in den verschie­densten Materien versierter Eisenbahnfachmann, zum Generaldirektor der Bundesbahnen ausersehen. Schließlich richtete Dr. Seipel als gewesener Ministerkollege die Bitte an mich, ihm den Freundschaftsdienst zu er­weisen, wenigstens ein Mandat als Mitglied der Verwaltungskommission anzunehmen, was ich nicht ablehnte. Als im Herbste die erste Sitzung der Verwaltungskommission stattfand, wurde ich von dieser zum Vizepräsiden­ten einstimmig gewählt. Wie ich vorausgesehen habe, lag die Gesamt­leitung in den ersten Jahren vollständig in den Händen des Präsidenten Günther, und es wurde die Verwaltungskommission immer bloß nach mehr­wöchentlichen Pausen zu einer mehr oder weniger formalen Sitzung ge­laden. Das gewählte Exekutivkomitee, dem außer mir Handelskammer­präsident Tilgner, der Präsident der Donaudampfschiffahrt, Dr. Schonka, und Ing. Enderes angehörten, wurde von dem äußerst rührigen Präsidenten, der sich seiner schwierigen Aufgabe mit temperamentvollem Eifer täglich stundenlang widmete, über den Fortschritt der organisatorischen Maß­nahmen und die durchgeführten Ersparungen zwar auf dem laufenden gehalten, ohne aber besonderen Einfluß auf die Geschäftsgebarung nehmen zu können.“

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