Mitteilungen des Österreichischen Staatsarchivs 12. (1959)

MECHTLER, Paul: Erinnerungen des Dr. Karl Freiherrn von Banhans (1861–1942)

410 Paul Mechtler aber selbst, einige Tage in Czernowitz zuzuwarten. So verblieb ich denn vorläufig in Czernowitz. Baron Stefanovicz gab unmittelbar nach meiner Amtsübergabe seine Demission als Präsident des bukowinischen Landeskulturrates. Popovice und Onciul hatten sich über die Teilung des Landes nach der Majorität der Bevölkerung in den einzelnen Gemeinden geeinigt und in Czernowitz ein Kondominium errichtet. Die Landesregierung übernahmen sie gemeinsam. Onciul hatte, wie ich vorausgesehen hatte, fast keinen Anhang mehr. Er häufte in wenigen Tagen Fehler auf Fehler und stieß dadurch selbst jene ab, die sich zuwartend verhielten. Übrigens hielt er sein mir gegebenes Versprechen: die von ihm in diesen Tagen ausgearbeitete Verfassung, die er auch nach Jassy mitnahm, bezeichnete die Bukowina als österreichischen Bundesstaat. Am 8. oder 9. November beging Onciul den schwersten Fehler, indem er sich nach Suczawa begab, um den dort befindlichen General vom Ein­märsche in die Bukowina abzuhalten. Von diesem mit sanfter Gewalt an die Regierung gewiesen, unternahm er die Reise nach Jassy, wo er seither zurückgehalten wird. Ich selbst wollte den Einzug rumänischer Truppen nicht abwarten und rüstete zur Abreise als Soldaten-Heimkehrer! Da ließ mir der Abgeordnete Serbu aus Suczawa telefonisch durch das Präsidium der Landesregierung sagen, ich sollte nicht abreisen, da er mit dem rumänischen General vereinbart habe, daß ich um Wiederübernahme der Regierung werde ersucht werden. Daß es wirklich dazu kommen würde, schien mir nicht wahrscheinlich; auch wären meine Bedingungen, die darin bestanden hätten, daß ich die Verwaltung nur namens der bukowinischen Rumänen und der Ukrainer geführt hätte und daß weiteres die rumänischen Truppen lediglich zwecks Schutzes der Bevölkerung nach meinen Anweisungen zu verwenden gewesen wären, nicht leicht erfüllbar gewesen. Immerhin hielt ich die Sache für das Land so wichtig, daß ich mich zu bleiben entschloß. Am 11. November zogen die rumänischen Truppen in Czernowitz ein und Jancu von Flondor, der den rumänischen General auf seine Seite zu bringen wußte, übernahm die Regierung. Baron Hormuzaki wurde nunmehr die Stelle des Präsidenten der Nationalversammlung angeboten. Er zog es aber vor, sich ins Privatleben zurückzuziehen, da er es mit seiner wohlanständigen Gesinnung unverein­bar fand, wenige Tage, nachdem er noch vom Kaiser ernannter Landes­hauptmann gewesen war, Präsident einer Nationalversammlung zu werden, die offen den Anschluß an Rumänien propagierte.

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