Mitteilungen des Österreichischen Staatsarchivs 12. (1959)
ARETIN, Karl Otmar Freiherr von: Eugen Beauharnais' Königreich Italien beim Übergang zur österreichischen Herrschaft im April 1814. Aus den nachgelassenen Papieren des k. k. Feldzeugmeisters Ludwig Frh. von Welden
Eugen Beauharnais’ Königreich Italien beim Übergang zur österr. Herrschaft 285 sohalls, einen der französischen Offiziere in jenes des Vice Königs; den zweiten sandte ich an den General Quesnel. Nun war ich ganz allein, und trat zu der angegebenen Stunde in den bezeichneten Salon ein, wo ich Aufklärung über so manches erhalten sollte. Ganz fremd wie ich war, erschüttert von den Vorgängen des heutigen Tages — wer könnte dies leugnen wollen? — war ich so entstellt, daß mich die gefällige Frau des Hauses, der ich einst Pässe zu ihrer Familie nach Mailand verschafft hatte, kaum erkannte. In der zahlreichen Gesellschaft, welche diese Räume füllte, waren wenig ansprechende Physiognomien, heftig gestikulierend war alles in großer Aufregung: ich hörte die Namen Confalonieri, Porro, Cicogna etc. nennen, die auch in der Folge zu einer unglücklichen Berühmtheit gelangten, und erst nach einem längeren Zwiegespräch mit der Frau vom Hause, wurde mir klar, um was sich’s handle60). Wenn im Regierungspalast eine Anzahl alter, unter den Revolutionen Italiens ergrauter Verschwörer eine Junta zur Bildung eines eigenen Königreichs Italien auf stellen wollten — wenn der größte Teil des Volkes, vielleicht auch nur der Neuheit wegen, nach den Österreichern verlangte — so handelte es sich hier, wo sich der größte Teil der männlichen Jugend der höheren Stände versammelt hatte, um die Errichtung einer Republik: freilich nur dem Namen nach, denn jeder dieser Republikaner wäre nur gar zu gerne für seine Person Monarch geworden. Ich stand an der Wiege des „Jungen Italien“, ohne es damals noch zu ahnen. Als ich diese drei verschiedenen Parteien erkannte, sah ich darin mein Heil, denn mit allen zu einem Zwecke vereinigt, hätte ich es nicht aufnehmen können; von dreien konnte ich einen für die gute Sache gewinnen. Es gab manche Gelegenheit, während der wenigen Tage, welche ich noch in Mailand zu verleben hatte, meine Studien fortzusetzen. Der lebhafte italienische Charakter sprudelt mit allem, was er auf dem Herzen hat, so schnell heraus, daß es nur einiger Besonnenheit bedarf, um nicht lange im Dunkeln zu wandeln, und ich mußte nur bedauern, den mailändischen Dialect so gar nicht zu verstehen, daß ich mir ihn oft ins Italienische mußte übersetzen lassen. Wie es so eigentlich kam, daß ich bald Zutrauen bei dem fremden, wilden Volke bekam, und mich in meine so ungewohnte Stellung fügen lernte, die wie 60) Confalonieri, Federico, war einer der treibenden Kräfte am 20. April. Er begab sich dann auf eigene Faust nach Paris, um dort die Interessen des nationalen Italien zu vertreten. Vgl. Federico Confalonieri, Memorie e lettere publicate per cura di Gabio Casati, Milano 1889, Bd. 2, S. 3—44. Porro-Lam- bertenghi, Lodovico, Conte schickte am Abend des 20. 4. eine Botschaft an Bellegarde, um ihn zum Eingreifen in Mailand zu veranlassen. Confalonieri, Porro und der noch genannte Carlo Cicogna gehörten zur österreichischen Partei. Die von Weiden nicht genannte Dame war wahrscheinlich die Frau des Mailänder Advokaten Traversi, in deren Salon sich die österreichfreundliche Gruppe zu treffen pflegte. Das Wort österreichfreundlich bedarf allerdings der Einschränkung, daß diese Männer damals hofften, die nationalen Ziele Italiens am besten mit den Österreichern zu verwirklichen.