Mitteilungen des Österreichischen Staatsarchivs 12. (1959)
ARETIN, Karl Otmar Freiherr von: Eugen Beauharnais' Königreich Italien beim Übergang zur österreichischen Herrschaft im April 1814. Aus den nachgelassenen Papieren des k. k. Feldzeugmeisters Ludwig Frh. von Welden
Eugen Beauharnais’ Königreich Italien beim Übergang zur österr. Herrschaft 275 Ich komme nun auf meine entrevue mit dem Vice König zurück: Aller Bemühungen ungeachtet, in den Formen der gewöhnlichen Unterhaltung zu bleiben, ist es zwei sich gegenüber gestandenen Militärs kaum möglich, diese Schranken nicht zu durchbrechen. Unwillkürlich kam das Gespräch bald auf die nun beendigte Campagne, die, wenn auch über das Ganze, große Nichts entscheidend, doch der interessanten Details so manche hatte, daß General Vaudoncourt im Stande war einen ganzen Band darüber zu schreiben, und ich eine kritische Beleuchtung, die seinerzeit in der militärischen Zeitschrift Jahrgang 1818 abgedruckt wurde46). Je lebendiger und daher wahrhafter die Darstellungen eines solchen Feldherren wie Prinz Eugene waren, mit umso größerer Aufmerksamkeit hing ich an seinen Lippen, und was ich mir bei meinem Nachhausekommen sogleich notirte, war beiläufig folgendes Résumé. Der Vice König, im Beginn des Feldzugs der stärkere Theil, aber nicht genau die erste Stellung seiner Gegner übersehend, hatte sich in zwei Voraussetzungen geirrt. Sein rechter Flügel, bloß aus Kroaten bestehend, stand unter dem General Janin in Carlstadt; er glaubte, indem er gegen diese Seite Truppen vorschob, selbe für Frankreich zu erhalten und die Österreicher zu Détachirungen von ihrem centrum gegen Agram zu nöthigen, sie auf diese Weise von Italien abzuwenden. Allein der Übergang von 6 Bataillons Grenzer, welche nach und nach die Brigade des Generals Nugent bildeten, erwiesen ihm nur zu bald seinen Irrthum; doch war ein Theil seines rechten Flügels bereits gegen Istrien unter dem General Pino in Bewegung47). „Das war ein großer Fehler einem solchen Manne die Führung einer so weiten Détachirung angetraut zu haben, obschon er meine besten Truppen unter dem General Palombini mit sich hatte “ — sagte der Prinz48). „Denn glauben Sie mir, ein guter Feldherr mit einem Haufen Rekruten kann den Feind schlagen, während die beste Truppe unter einem schlechten Führer keine Lorbeeren zu ernten vermag.“ „Der zweite Irrthum war, daß wir voraussetzten, ein Theil der österreichischen Streitkräfte gegen 46) F. Guillaume de Vaudoncourt, Histoire des Campagnes d’Italie en 1813 et 1814, 2 Bände, London 1817. Der, wie Weiden schreibt, höchst einseitigen Betrachtungsweise Vaudoncourts ist Weiden in zwei Aufsätzen der österreichischen Militärzeitung 1818, Heft 1 und 10 entgegengetreten. Er stützte sich dabei insbesondere auf die hier geschilderten Gespräche mit Eugen Beauharnais und den später auf dem Marsch nach Frankreich mit dem Befehlshaber der französischen Truppen Genreal Grenier gepflogenen. Vaudoncourt hat sich später, ohne allerdings auf Weldens Einwürfe einzugehen, noch einmal mit dem Thema befaßt: Histoire politique et militaire du Prince Eugene Napoléon, Vice-Roi d’Italie, 2 Bände, Paris 1828. Weldens rein militiärgeschichtliche Darstellung, Der Krieg der Österreicher in Italien gegen die Franzosen in den Jahren 1813 und 1814, Graz 1853, geht auf Vaudoncourt nicht mehr ein. 47) Über General Pino vgl. Anm. 18). 48) Palombini, Giuseppe Frederico (1774—1850) wurde später in die österr. Armee übernommen und k. k. Feldwachtmeister. Er galt als einer der fähigsten ital. Generale unter Napoleon.