Mitteilungen des Österreichischen Staatsarchivs 12. (1959)

HRAZKY, Josef: Die Persönlichkeit der Infantin Isabella von Parma

188 Josef Hrazky Dieser Aufsatz mußte geheim bleiben und ist nur zu verstehen, wenn man bedenkt, daß die Kaiserin alles tat, um der Welt das Unglück ihrer Ältesten zu verbergen. In diesem Punkt war sie, sonst die Ehrlichkeit selbst, in ihrer gemarterten Mutterliebe auf Seite der Lüge und Täuschung. Auch Isabella wußte von diesen Hintergründen nichts, witterte aber bald die wunde Stelle im Familienglück der Kaiserin. Die „geistlichen Übungen oder Gedanken für drei Tage Zurück­gezogenheit“ 24) sind in Wahrheit ein leidenschaftliches Bekenntnis ihrer Liebe zu Mimi auf dem Hintergrund der Todesnähe. Starr wiederholt sie sich die fürchterlichen Worte, die ihr das Eingehn in das Haus ihrer Ewigkeit verheißen, gleich einem Refrain, in dem das Ewig­ewig-ewig wie mit Donnerschlägen allem Sein ein Ende macht. Sie muß Gott im Gebet zu Hilfe rufen, um diesen Gedanken auszuhalten. Wie tief sie auch in die Geheimnisse ihres eigenen Schicksals, des „par- mesanischen Heiratsgeschäftes“, hineingesehen hat, zeigt der Aufsatz25), mit dem sie im „Los der Prinzessinnen“ ihr eigenes beklagt. Denn sie selbst fühlt sich als Opfer der „unseligen Politik eines Ministers, der keinen anderen Weg zum Bündnis zweier Häuser findet“ als eine Heirat und dieses Bündnis „beim ersten Auftauchen eines Vorteils ebenso leicht zer­reißt wie eine gedankenlos getroffene Vereinbarung". Kaunitz wäre wohl nicht so stolz auf seine Transaktion gewesen, wenn er dieses Urteil der Betroffenen gelesen hätte. Im übrigen soll der in Briefform verfaßte Dis- cours Marie Christine mit ihrem Schicksal versöhnen. Aber nicht ein Wort ist darin von der Heirat die Rede, der einzigen in der Familie, die ohne politische Absicht geplant ist. Denn Isabella kennt den Widerspruchsgeist ihrer Mimi und preist ihr gerade darum das Dasein einer ledig gebliebenen Erzherzogin an, das sie an der Seite eines Menschen werde führen können, der sie anbete und den sie liebe. Wer das ist, bleibt Mimi zu erraten. Ein kleines Meisterstück, das sie zweifellos Maria Theresia hat über­reichen lassen, sind die „Aventures de l’Etourderie“ 26). Nach dem Muster eines allegorischen Ritterromans, wie er am Ausgang des Mittelalters beliebt war, erzählt er Isabellas eigene Jugend, von der Maria Theresia zu hören begierig war, humorvoll und doch wohl bedacht, mit Widmungen und Vorreden, über die sich die Kaiserin gerne lustig machte, weil sie in ihnen nur Anschläge auf ihre Kasse vermutete. Alles ist hier nach dem Herzen der Kaiserin geschrieben, in behaglicher Derbheit, launig gemütlich, voll Respekt gegenüber den eigenen Eltern und mit einer captatio benevolentiae am Schluß, die der Monarchin schmeicheln mußte, da sie als „aufgeklärte Fürstin“ sicher nicht oft gefeiert worden war. Wäre Isabella unter den Literaten ihrer Zeit aufgetreten, mit diesem Selbstbildnis voll spielender Lichter hätte sie sich einen Rang gesichert. 24) Aufsätze IV. 19—31. 2>) Aufsätze XII. 14—16. 2ß) Aufsätze II. 1—20.

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