Mitteilungen des Österreichischen Staatsarchivs 11. (1958)

CORETH, Anna: Das Schicksal des k. k. Kabinettsarchivs seit 1945

Rezensionen 539 daher nicht, eine halbwegs selbständige Politik der Mittelstaaten zu betreiben. Es versuchte zwar vor allem 1859 in Berlin zugunsten Öster­reichs bzw. einer besseren Zusammenarbeit der beiden deutschen Groß­mächte zu intervenieren, fand sich aber nicht bereit, auch ohne Preußen Österreich wirkliche Hilfe angedeihen zu lassen. So nimmt es dann auch nicht wunder, daß Österreich meist direkte Verhandlungen mit Berlin vor­zog und auf Bayern nicht viel Rücksicht nahm. Angesichts einer solchen Haltung und Einstellung der maßgebenden Männer in Bayern wird es nur zu begreiflich, daß Bismarck ein Jahrzehnt später so rasch die Freiheit der Mittelstaaten beseitigen konnte. Die zeitliche Abgrenzung der Arbeit ergibt sich einerseits daraus, daß 1859 die italienische Frage endgültig zu einer europäischen wurde, ander­seits aus der Anerkennung des Königreichs Italien durch Bayern 1865. Verf. hält sich streng an diese Grenzen und beschränkt sich auch aus­drücklich auf die politischen Beziehungen, da für die kulturellen und wirt­schaftlichen weitere umfangreiche Studien erforderlich wären, zumal kaum Vorarbeiten geleistet wurden (S. VIII). Erfreulich ausgedehnt ist die Quellenbasis. Neben dem Geheimen Staatsarchiv München gelang es Verf. auch, das Geheime Hausarchiv München sowie die jetzt in Neapel verwahrten Akten der neapolitanischen Gesandtschaft in München benützen zu dürfen. Weiters zog sie Bestände des Haus-, Hof- und Staatsarchivs Wien, des Archive du Ministére des Affaires Etrangéres in Paris sowie des Archivio di Stato in Florenz und Turin heran. Sie erklärt denn auch stolz, abgesehen von dem für den bearbeiteten Zeitraum gesperrten vatikanischen und den damals ebenfalls unzugänglichen preußischen und russischen Archiven scheine zu ihrem Thema kaum noch Wesentliches vorhanden zu sein. Zu ergänzen wären da freilich — soweit noch vorhanden — die Archive der übrigen deutschen Staaten sowie vor allem Englands, zumal gerade England an den Vor­gängen in Italien durchaus nicht uninteressiert war. Neben dieser recht umfangreichen archivalischen Arbeit werden auch Memoiren bzw. Briefe deutscher Fürsten und Politiker sowie die beiden Aktenpublikationen „Die auswärtige Politik Preußens 1858—71“ und Srbiks „Quellen zur deutschen Politik Österreichs“ herangezogen. Überraschenderweise fehlen Bismarcks Gesammelte Werke, ferner der erste Band der Documenti diplomatici italiani (Roma 1952) sowie die entsprechenden Bände der Origines diplo- matiques de la guerre de 1870/71 (Paris 1910 f., beginnend mit 1863). Auch an italienischen und französischen Memoiren und Literatur wäre so man­ches nachzutragen. Die Arbeit ist chronologisch in drei große Teile gegliedert, von denen der erste das Jahr 1859 bis zum Kriegsausbruch behandelt. Die Einleitung gibt einen knappen Überblick über die Lage in Italien 1859. Die Verträge Österreichs mit Modena, Parma und Toskana sowie die geheimen Zusatz­artikel zum Vertrag mit Sizilien werden im Anhang im Wortlaut abge­druckt, allerdings ohne jegliche Quellenangabe. Das 1. Kapitel berichtet über die Beobachtungen bairischer Diplomaten und Politiker betreffend Frankreich, Sardinien, Sizilien, den Kirchenstaat und Toskana, wobei auch die innenpolitische Situation und die Wirtschaftslage berücksichtigt wird.

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