Mitteilungen des Österreichischen Staatsarchivs 11. (1958)

CORETH, Anna: Das Schicksal des k. k. Kabinettsarchivs seit 1945

536 Literaturberichte sind“ (S. XIX). Doch hat man bei der Lektüre des vorliegenden Werkes nicht den Eindruck, „nur einen Beitrag zur Erforschung eines Teil­problems“ vor sich zu haben. Professor Engel-Janosi beherrscht die ihm vorgelegenen Quellen, in diesem Falle die diplomatischen Akten in der Hauptsache aus Wien und Paris, in wahrlich souveräner Manier und er vermag aus dieser an sich oft sehr menschlichen und subjektiven Quelle in klug abwägender Interpretation und aus profunder Kenntnis der Ge­samtzusammenhänge ein Höchstmaß an historischer Objektivität heraus­zudestillieren, das von der Erfassung und Erforschung eines Teilproblems unbedingt zur Darstellung des Ganzen überleitet und das Fehlen der vati­kanischen Quellen überhaupt nicht vermissen läßt, weil man Hin und Hin das Empfinden hat, daß die Öffnung dieser Quellen keine wesentlichen Korrekturen des vom Verfasser gegebenen Bildes des Verhältnisses zwi­schen Österreich und dem Vatikan bringen wird. Die zwei großen Pontifikate Pius IX. und Leos XIII. bilden ohne Zweifel den Übergang zur Geschichte des modernen Papsttums. Die Be­ziehungen der katholischen Großmacht Österreich-Ungarn zu diesem in gewaltiger Umschichtung sich vollziehendem Übergang im Zusammenhang mit der gesamten europäischen Politik dieses halben Jahrhunderts richtig gewertet zu haben, ist unbestreitbar das Verdienst des Autors. Daß dieser Übergang nicht ohne Reibungen abging, ist selbstverständlich, und so gewinnt das so starken Schwankungen unterworfene Verhältnis der Donau­monarchie zum Vatikan in dem genanntem Zeitraum eine Bewegtheit, die ohne Verzerrungen zu zeichnen, enorme Sach- und Quellenkenntnis und ein ausgewogenes Urteil erfordert. Von dem nutzlos verpufften Veto bei der Papstwahl von 1846, zu der der österreichische Träger des Secretums zu spät in Rom eintraf, bis zur letzten und wirksamen Anwendung der Exklusive in dem auf den Tod Leos XIII. folgenden Konklave reicht der Spannungsbogen der im vorliegenden Werk dargestellten Ereignisse. Über das Verhältnis zwischen Österreich und dem heiligen Stuhl in diesem Zeit­raum kann man wohl auch die von Reinhold Schneider, dem mit einem eminent historischen Sinn begnadeten jüngstverstorbenen Dichter, formu­lierten Worte setzen: „Die Situation Österreichs und die der Kirche stehen einander wie Spiegelbilder gegenüber, zwischen denen Blitze wechseln; die Kirche hat manches von Österreich erduldet — wie das, Weltlichem gegen­über, in Ordnung ist; war sie aber dazu imstande, so hat sie Österreich schlecht verstanden und behandelt“ 3 ). Auf die Wahl des Kardinals Mastai-Ferretti, Pius IX., 1846, vom österreichischen Botschafter und Staatskanzler Metternich begrüßt, folgte das liberale Reformprogramm des Papstes, das ihn auf die Bahnen des italienischen Risorgimento und damit in Gegensatz zu Österreich führte. Die schmerzlichen Erfahrungen des Papsttums im Sturmjahr 1848 führten es wieder näher an Österreich als Schutzmacht heran und schließlich sogar in den „stillen Jahren“ von 1848—1859 zur Wiederherstellung der „natür­lichen Beziehungen zwischen Kirche und Staat“ im Konkordat von 1855. Der erzwungene Rückzug Habsburgs aus Italien beschleunigte den Abbau O R. Schneider, Winter in Wien. Verlag Herder - Wien (1958), S. 261 f.

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