Mitteilungen des Österreichischen Staatsarchivs 11. (1958)

CORETH, Anna: Das Schicksal des k. k. Kabinettsarchivs seit 1945

Rezensionen 529 bezeichnen“. Hat sich der Leser mit diesen Prämissen abgefunden, so wird er schon in der Disposition des Buches Ausgewogenheit und Ge­dankenreichtum feststellen können; die anscheinend unvermeidliche Gliederung in Hauptabschnitte nach Tageszeiten ist erträglich, weil sie den Ablauf der Darstellung kaum beeinflußt. Dabei wird ganz ohne terminologische Neubildungen und ohne revolutionäre Leitideen vor­gegangen. Besonderheiten in der Stoffbegrenzung lassen sich ohne­weiteres aus den im Vorwort angeführten Motiven ableiten: was dem Autor als eine aus der Antike ausklingende oder die Geschichte der Neuzeit einleitende Entwicklung erscheint, tritt in den Hintergrund. Übrig bleibt auf diese Art ein auf die zentralen Erscheinungen redu­ziertes Mittelalter, das in dem Zeitraum vom 3. bis zum 15. Jahrhundert viele dem Historiker vertraute Axiome als nicht zugehörig an andere Epochen abtreten muß. Obwohl Génicot bestrebt ist, möglichst umfassende Themen in die einzelnen Kapitel zusammenzuziehen (z. B. Kapitel V „Das politische Klima“ umfaßt die politische und Verfassungsgeschichte vom 9. bis zum 13. Jahrhundert), verzichtet er doch nicht auf das Detail. Stärke und Schwäche des Buches liegen hier eng beisammen. In dem Bestreben, auch den einzelnen „Baustein“ nicht zu übersehen, wenn ihm tragende Funktion zukommt, erschöpfen sich stellenweise die geistesgeschicht­lichen Kapitel in einer Anhäufung von Namen, deren Träger dem Un­kundigen fremd bleiben. Aber auch die Beschränkung auf die „posi­tiven Erscheinungen“ birgt ihre Gefahren in sich, sie zwingt einerseits geradezu zur Inkonsequenz — vgl. S. 309 f., wo der Verfasser selbst eine Wende zu den negativen Tendenzen ankündigt, im Gegensatz zu S. 6 und 133 — und verzerrt andererseits das West-Ost-Gefälle in solchem Maß, daß von diesen Voraussetzungen ausgehend die sonst wohl etwas einseitige Erklärung abgegeben werden kann: „Die Kultur des Mittel­alters auf ihrer Höhe ist im wesentlichen eine französische Kultur“ (S. 261) ; denn der weitere Verlauf des Kulturstromes nach dem Osten, die von Génicot kaum beobachtete Umformung durch bodenständige Schöpfungen, ist unter besagtem Aspekt nur von sekundärer Bedeutung. Und so kommt es, daß beispielsweise von der mittelhochdeutschen Dich­tung nicht mehr als drei Namen, Hartmann, Wolfram und Walther, und das Nibelungenlied als erwähnenswert übrig bleiben. Je weiter sich der Autor von Westeuropa entfernt, desto knapper werden die Darlegungen und desto schärfer tritt die Tendenz zu Tage, komplexe Vorgänge auf das Einfachste zu reduzieren; die Aussagen über Heidentum und Arianismus (S. 89), Immunität (107), Ottonen und Stammesherzogtümer (143), Invasionen (Widerspruch 136 : 137), Entstehung der Gewohn­heitsrechte (283) mögen als Beispiele dafür erwähnt werden. Aber hier wird jeder Kritiker anerkennen müssen, daß die Fülle des Gebotenen den relativ geringen Umfang (nur 384 Seiten Text) fast vergessen läßt. Es ist geradezu ein Geheimnis des Autors, ohne ernüch­ternde Systematik in geistreichen und nur selten ermüdenden Aus­führungen die charakteristischen Vorgänge einer Epoche darzulegen und Mitteilungen Band 11 34

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