Mitteilungen des Österreichischen Staatsarchivs 11. (1958)

FELLNER, Fritz: Die Verstimmung zwischen Wilhelm II. und Eduard VII. im Sommer 1905

Miszellen 505 und müsse die Konsequenzen aus derselben ziehen. Er werde auch nicht versäumen, seine Regierung zu bitten, ihn von hier abzulösen. Der Reichskanzler schien über diesen, wie er behauptete, auch für ihn uner­klärlichen Zwischenfall recht bestürzt zu sein und er bat den englischen Botschafter in der eindringlichsten Weise, sich zu beruhigen und nicht zu vergessen, daß bei dem impetuosen Temperamente Kaiser Wilhelms Höchstdessen Worte nicht immer auf die Goldwaage gelegt werden kön­nen. Noch am selben Tage sprach der Reichskanzler beim englischen Botschafter vor und sagte ihm, er habe über seine letzte Unterredung mit ihm seinem kaiserlichen Herrn Bericht erstattet, Höchstweicher ihn beauftragt hätte, ihn, den englischen Botschafter zu versichern, daß es Ihm nicht eingefallen sei, Sir Frank Lascelles, demgegenüber er die freundschaftlichsten Gefühle hege, und dessen hiesige Wirksamkeit Er so hoch schätze, beleidigen zu wollen. Kaiser Wilhelm, so fuhr der Reichskanzler fort, sei eben über die andauernd feindselige Haltung der englischen Presse in höchstem Maße erbost und beschuldige in dieser Beziehung die englische Regierung einer schweren Unterlassungssünde, da er zu wissen glaube, daß es bisher bei einigem gutem Willen doch möglich gewesen wäre, den unaufhörlichen Hetzereien gegen Deutsch­land und Seine Persönlichkeit Einhalt zu tun, wie es ja der großbritan­nischen Regierung schon gelungen sei, die Angriffe der englischen Publizistik gegen Rußland in bedeutendem Maße abzuschwächen. Im weiteren Verlaufe ihrer Unterredung erwähnte Fürst Bülow auch eine — wie er behauptet, von vollkommen glaubwürdiger Seite hier einge­langte — Nachricht, laut welcher das englische Kabinett unlängst den Abschluß eines direkt gegen Deutschland gerichteten Schutz- und Trutz­bündnisses der französischen Regierung vorgeschlagen hätte, welches Ansinnen aber französischer Seits abgelehnt worden wäre. Diese und ähnliche Nachrichten hätten Kaiser Wilhelm irritiert und Höchst- demselben zu seiner scharfen Sprache Anlaß geboten, welcher aber keine weitere Bedeutung zugeschrieben werden könne. Er, der Reichskanzler, wiederhole seine dringende Bitte an den englischen Botschafter, daß letzterer diesen ganzen Inzidenzfall als non avenu betrachten wolle. Mein englischer Kollege, welcher mir die obige Darstellung der Vorkommnisse gab, ersuchte mich, seine Mitteilungen streng ge­heim zu behandeln. Propter bonum pacis sei er geneigt, diese Ange­legenheit, wenigstens für jetzt, auf sich beruhen zu lassen, doch müsse er mir gestehen, und er habe dies auch dem Reichskanzler offen gesagt, daß er sich fragen müsse, ob er es nicht vorziehen solle, von hier je eher abberufen zu werden, da es ihm während seines zehnjährigen Wir­kens auf dem hiesigen Posten trotz seiner eifrigsten Bemühungen nicht gelungen ist, freundschaftliche Beziehungen zwischen England und Deutschland herzustellen und aufrechtzuerhalten.

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