Mitteilungen des Österreichischen Staatsarchivs 10. (1957)
NOVOTNY, Alexander: Österreich-Ungarn und die Türkei zur Zeit des Berliner Kongresses bis zum Abschluß der Konvention vom 21. April 1879
Österreich-Ungarn und die Türkei zur Zeit des Berliner Kongresses 343 und Erhaltung ihrer Neutralität. 1877 hatte ihre Regierung der Pforte in einer Note unmenschliches Verhalten zum Vorwurf gemacht. Einige Mitglieder der Zweiten Kammer nahmen Anstoß daran und mißbilligten diesen Schritt als gewagt und die Neutralität der Niederlande gefährdend; andere Abgeordnete wieder bezeichneten es gerade als Aufgabe der Neutralen, ihre Stimme im Dienste der Humanität zu erheben7). Die Niederlande haben die europäische Bedeutung der Balkanwirren 1875—1878 sehr wohl erkannt und — diesen Eindruck gewinnt man — alle wichtigen Auslandsposten, die in dieser Frage belangvoll waren, wie z. B. die der Gesandten in Berlin, in Konstantinopel, in Wien und auch die Konsulate auf dem Balkan möglichst mit gut beobachtenden und urteilsfähigen Berichterstattern besetzt. Über wirklich hervorragende Qualitäten verfügte der niederländische Gesandte in Wien8). Mr. Julius Philip Jacob Adriaan graaf van Zuylen van Nyevelt wurde am 19. August 1819 in Luxemburg geboren und schlug, nachdem er 1841 den magister iuris absolviert hatte, die diplomatische Laufbahn ein, welche ihn — seit 1842 — als Attaché und Gesandtschaftssekretär nach Wien, Brüssel und London führte; 1855—1860 war er Ministerresident in Konstantinopel, 1860—1861, sowie später 1866—1868 Leiter, bzw. Minister der Auswärtigen Angelegenheiten in Den Haag, nachdem er 1862—1865 Gesandter in Berlin gewesen war. Als niederländischer Staatsmann hat van Zuylen weitgehend Anerkennung und Würdigung gefunden, als Diplomat ist er bis jetzt ungerechterweise so gut wie unbeachtet geblieben. Die Jahre 1869—1871 verbrachte er in Sankt Petersburg und von 1875 bis 1883 wTar er als Gesandter in Wien. Graaf van Zuylen war ein ruhiger, sachlicher und sehr gewissenhafter Beobachter, zweifellos sehr verschwiegen; man staunt, wie vielerlei Menschen zu ihm kamen, um ihm ihr Herz auszuschütten. Er verstand es offenbar, jedermanns Vertrauen zu gewinnen. Van Zuylen besaß aber auch die Gabe, und den Ehrgeiz, reichhaltige und schriftstellerisch vollendete Berichte zu verfassen. In seinem Nachlaß im Niederländischen Reichsarchiv findet sich ab und zu das Konzept zu einem seiner Berichte; die Briefe, die an ihn gerichtet wurden, hob er sorgfältig auf9). Als Mitglied der Niederländischen Zweiten Kammer ist er wiederholt publizistisch hervorgetreten. Die 7) Vgl. Asser, a.a.O., S. 67 f. — Hamel, a.a.O., S. 393. 8) Vgl. Nederland’s Adelsboek 46. Jgg. 1953, S. 571; — ferner den biographischen Artikel von Ramaer in Molhuysen und Kossmann, Nieuw Nederlandsch Biografisch Woordenboek, 9. Teil 1933, Sp. 1326 ff.; — sowie auch Bruyne- Hiltermann-Hoetink, Winkler Prins Encyclopaedie, 18. Teil 1954. 9) Der Nachlaß — im Niederländischen Reichsarchiv in Den Haag — enthält u. a. politische Flugschriften, eine Reihe von Broschüren, die van Zuylen zur Zeit seiner Tätigkeit in der Zweiten Kammer mit vollem Namen, auch Zeitungsartikel, die er später z. T. unter Pseudonym verfaßt hatte; außerdem persönliche Erinnerungen an seinen Aufenthalt in Wien und Rodaun bei Wien, Briefe, das Mietzinsbuch seiner Wiener Wohnungen etc.