Mitteilungen des Österreichischen Staatsarchivs 10. (1957)
WEINZIERL-FISCHER, Erika: Bismarcks Haltung zum Vatikanum und der Beginn des Kulturkampfes nach den österreichischen diplomatischen Berichten aus Berlin 1869–1871
Bismarcks Haltung zum Vatikanum und der Beginn des Kulturkampfes 311 habe“52). Wimpffen sah in dieser Bemerkung Bismarcks sofort nur ein weiteres Mittel des Kanzlers, Beust in eine schärfere Gangart zu bringen. Nachdem die ständigen Hinweise auf die Bedeutung der katholischen Großmacht53) bei dem Protestanten Beust, der für die Fortführung seiner Politik innerhalb der Monarchie vor allem die Unterstützung der Liberalen brauchte, keinen sichtbaren Erfolg gezeitigt hatten, versuchte Bismarck eben eine andere Methode. Diese war nun, Beust verstehen zu lassen, daß dessen Untergebene eigene Politik trieben, die von oben erhaltenen Richtlinien verwässerten oder verfälschten. Bismarck hat in seinem Vorgehen gegen Graf Robert von der Goltz54) und später im Arnim-Prozeß55) bewiesen, wie unnachsichtlich er selbst sich gegen die ihm unterstellten, zu selbständig denkenden oder handelnden Diplomaten verhielt. Von dem inkonsequenteren Sachsen Beust mochte er erwarten, daß dieser nach einer derartigen, wenn auch nur äußerst vagen Anschuldigung, von Trauttmansdorff wenigstens ein entschiedeneres Auftreten in Rom verlangen werde. Wimpffen sah sich daher gezwungen, am gleichen Tag, an dem er dieses Gespräch nach Wien berichtete, auch eine chiffrierte Depesche abzusenden. Er teilte Beust mit, daß nach seinem Eindruck Bismarck „es nicht ungeme sehen würde, wenn die katholischen Regierungen zu der römischen Curie eine schroffere Haltung einnehmen, um aus den möglichen Folgen für sein Interesse Capital zu machen“ 56). Die Unterredung am 22. März war allerdings der letzte persönliche Versuch Bismarcks, Beust durch den österreichischen Gesandten in Berlin in diesem Sinne zu beeinflussen. Am 23. März telegraphierte er an Arnim57), daß er seit acht Tagen versucht habe, „Wien durch München, Paris direct und über England zur Besprechung über gemeinsame Haltung oder Schritte zu bewegen. Österreich und Frankreich haben beide sich unsrer Anregung versagt“58). Frankreich wolle nach Eingang der 52) 23. März 1870. P.A. III, Kart. 101, Nr. 31 A—B. — Trauttmansdorff hatte Staatssekretär Antonelli die Depesche Beusts nicht vorgelesen, sondern nur in ihrem Sinne seine warnende Stimme erhoben, was den ihm gegebenen Instruktionen ebenfalls entsprach. Bismarck hatte dies aber auch schon in seinem Erlaß vom 13. März an den preußischen Gesandten in Wien, Schweinitz, als „Abschwächung“ der Aufträge Beusts bezeichnet. Im übrigen überließ er es lediglich dem „Takt“ des Gesandten Schweinitz, ob dieser die Anregung Arnims (siehe oben S. 309, Anm. 42), „natürlich ganz ohne Beziehung auf dessen Person und Bericht und ohne Andeutung der Quelle“ bei Beust Vorbringen wolle. G.W. VI b, Nr. 1526 u. 1529. 53) Siehe oben S. 308 f. 54) Vgl. dazu Otto Graf zu Stolberg-Wernigerode, Graf Robert von der Goltz, München 1941. 55) Vgl. dazu E. v. Wertheimer, Der Prozeß Arnim, Preußische Jahrbücher 222, 1930, S. 217 ff., und Fritz Hartung, Bismarck und Graf Harry Arnim, Historische Zeitschrift 171, 1951, S. 47 ff. 56) 23. März 1870. P.A. III, Kart. 101, Nr. 31 B. 52) G.W. VI b, Nr. 1538. 58) Näheres darüber in den Depeschen vom 25. März an Werthern und Arnim. Ebendort Nr. 1539 und 1540.