Mitteilungen des Österreichischen Staatsarchivs 10. (1957)

WAGNER, Hans: Das Reisejournal des Grafen Seckendorff vom 15. Juli bis zum 26. August 1730

Das Reisejournal des Grafen Seckendorff vom 15. Juli bis zum 26. August 1730 203 Hothams conduite anlaß dazu gegeben. Denn Engellands absichten giengen dahin, von ihm, dem könig von Preußen, seine sehr wenige annoch getreue diener zu entfernen und ihm zuwider zu machen, da sie alsdenn bey denen übrigen, die schon vor Engelland portiret, gewonnen spiel hätten und er, der könig, wider seinen willen sich würde müßen von Engelland gouver- niren laßen28). Mann ließ dem general Seckendorff wenig zeit zur rede zu kommen, doch nahm er gelegenheit, ihro königlichen mayestet vorzustellen, daß ihm leyder bekannt, wie die wenige zeit, da er von ihro königlichen mayestet abweßend geweßen, mann alles angewandt, umb des königs pa­triotische neigung zu ändern und hätten vornehmlich der kayserliche resident 29) sehr viel ombrage genommen über den öffteren vertraut- und langen Umgang, den ihro königliche mayestet mit dem Levenöhr30), ab­sonderlich bey dem festin des Gallitzyn31), gehabt. Und da vermuthlich gemeldter resident auch davon nachricht nach hoff ertheilet, so fürchtete er, es würde dieße vertrauligkeit mit Levenöhr alda viel argwöhn ver­ursachen, weil bekanndt, daß Levenöhr ein gantz an die Sevillanische alliirte ergebener mann seye. Ihro königliche mayestet sagten hierauff, daß Levenöhr in der that denen Sevillanischen alliirten das worth spreche und hätte er sonderlich bey Gallitzyn gegen ihm erwehnet, daß weil nun der könig eine reiße zu thun Vorhabens und vermuthlich sobald nicht wieder käme, Levenöhr als ein treuer diener dem könig anrathete, sich mit Engelland und den Sevillanischen alliirten zu vereinigen. Dem kayßer und reich würde mann nichts über gebühr zumuthen, doch wäre gut, daß der erste 32) lernete, wie die teutschen könige und fürsten nicht von des reichs- hoffraths arbitrio dependireten, folglich in den aussprüchen und Sentenzen gegen die stände des reichs nicht so hurtig und hietzig gienge. Levenöhr machte sich stark, ihm, dem könig, charte blanche von den Sevillanischen alliirten zu verschaffen, umb seine conditiones darauff zu setzen; und ob er zwar keine ordre33) zu proponiren, so glaubte er doch vor feste, er wolle, wenn der könig sich favorable gegen ihn herausließe, es dahin brin­gen, daß mann Churpfaltz obligirte, preußische garnisonen in Jülich und Düsseidorff einzunehmen, gleich als mann verlangte, daß die Spanier in die Toscan- und Parmesanischen vestungen solten eingelassen werden. Er, der könig, will hierauff dem Levenöhr geantworthet haben, daß er seith as) Hier endet der Abdruck bei Oncken, a.a.O., S. 44. 29) Franz Christian Josef von Demrath, kaiserlicher Legationssekretär und Resident in Berlin. 30) Paul von Vendelbo-Lövenörn, dänischer Generalmajor, Stiftsamtmann zu Aarhus, 1730 außerordentlicher dänischer Gesandter in Berlin. •11) Sergej Dmitrievic Fürst Golicyn, russischer Geheimrat und Kammerherr, 1730 Gesandter in Berlin. Am 7. Juli hat er anläßlich der Krönung der Zarin Elisabeth in Moskau einen Ball mit Souper gegeben. (HHStA., Staatskanzlei Preußen, Faszikel 8, Bericht vom 8. VII. 1730). 32) Große Korrespondenz, Faszikel 112b, fol. 92r; „kayßer“ statt „erste“. 38) Ebenda: Nach „ordre“ ist „etwas“ eingefügt.

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