Mitteilungen des Österreichischen Staatsarchivs 10. (1957)
WAGNER, Hans: Das Reisejournal des Grafen Seckendorff vom 15. Juli bis zum 26. August 1730
Das Reisejournal des Grafen Seckendorff vom 15. Juli bis zum 26. August 1730 187 seinem militärischen Auftreten, seiner an Geiz grenzenden Sparsamkeit und seiner nationalbetonten, deutschtümelnden Gesinnung, die ihm im Tabakskollegium und in der „Société des antisobres“ den Spitznamen „Germania“ verschaffte2). Durch großzügige Verteilung kaiserlicher Gelder sicherte er sich außerdem die unbedingte Ergebenheit des Günstlings Grumbkow und ein vorzüglich funktionierendes Nachrichtensystem. So beliebt und unentbehrlich sich Seckendorff beim König gemacht hatte, so verhaßt war er bei der englischen Partei, der Königin, dem Kronprinzen, dessen ältester Schwester Wilhelmine und allen ihren Anhängern. Auch in der Korrespondenz Friedrichs mit seiner Schwester führt Seckendorff einen — diesmal weniger ehrenvollen — Spitznamen, den des geizigen und lächerlichen Sieur de la Rappiniére aus dem „Roman Comi- que“ von Scarron3). Immerhin hat auch der Kronprinz die beherrschende Stellung des Gesandten anerkannt. Bei der Verhaftung Seckendorffs nach dem unglücklichen Feldzug gegen die Türken im Jahr 1737 entwirft Friedrich ein anschauliches Bild der ehemaligen Macht des Gestürzten als „l’arbitre de l’Allemagne, qui réglait tout, de la maniére du monde la plus impérieuse et la plus absolue; il faisait des traités, accommodait ou brouil- lait les puissances selon son bon plaisir, et voyait mérne des princes sou- veraines s’abaisser jusqu'ä lui faire la cour“ 4 *). Das war der Mann, von dem mehrere Berichte über die „Bekehrungsreise“ des Königs, wie sie Arneth nennt6), erhalten sind. Gedruckt ist davon der Bericht vom 14. August aus Wesel an den Kaiser, der nur den Fluchtversuch, die Geständnisse Friedrichs — der Kronprinz hatte sich in Bonn direkt an Seckendorff mit der Bitte um Vermittlung beim König gewandt — und das Ergebnis der ersten Verhöre behandelt8). Die beiden andern sind an den Prinzen Eugen gerichtet, von denen die „Geheime aber getreueste Relation von der Beschaffenheit verschiedener chur- und fürstlicher Höfe in Teutschlandt“ 7)> die undatiert ist, nur ein auf die 2) Paul Haake, La société des antisobres, in: Neues Archiv für Sächsische Geschichte und Altertumskunde 21 (1900), S. 242. 3) Mémoires de Frédérique Sophie Wilhelmine Margrave de Bareith, Leipzig 1896, S. 129. 4) Brief vom 26. XI. 1737 an Suhm, CEuvres de Frédéric le Grand, tom. XVI, 1850, p. 380. 6) Alfred Arneth, Prinz Eugen von Savoyen, Band III, Wien 1858, S. 271. 8) Friedrich Förster, Friedrich Wilhelm L, Band III, Potsdam 1835, S. 1—6. Vgl. dazu die Varianten des Originalberichts bei Carl von D u n c k e r, Die Interzession Kaiser Karls VI. zu Gunsten des Kronprinzen Friedrich von Preußen, in: Organ der Militärwissenschaftlichen Vereine 67 (1903), S. 132, Anm. 2. 7) Haus-, Hof- und Staatsarchiv, Große Korrespondenz, Faszikel 105 b, fol. 175—184 (das Exemplar des Prinzen Eugen) und Fasz. 112 b, fol. 161—169, sowie Fasz. 130, fol. 185—198 (Abschrift und Konzept aus dem Gesandtschaftsarchiv zu Berlin).