Mitteilungen des Österreichischen Staatsarchivs 10. (1957)

PILLICH, Walter: Die Flüchtung der Schatzkammer, des Archivs und der Hofbibliothek aus Wien im Jahre 1683

146 Walter Pillich hatte hiezu in höchster Eile eigens zwei Pferde samt Geschirr und einen Leiterwagen um 130 Gulden gekauft. Auf diesem flüchtete er in drei Tru­hen und vier Verschlagen „ein undt andere Librorum Manuscriptorum Ori- ginalium documentorum, Rarer undt pretiöser sachten“ aus der kaiserlichen Hofbibliothek. Nessel, begleitet von einem Diener und dem Fuhrmann, erreichte nach neuntägiger Reise am 18. Juli Passau. Während der Fahrt wurden insgesamt 30 Gulden verzehrt. Die schwere Wagenladung bean­spruchte unterwegs mehrmals Vorspann, wofür Nessel noch 60 Gulden gesondert bezahlen mußte. In Passau, wo der kleine, sicher aber wertvollste Bestand der Hofbibliothek verblieb, mußten für die Pferdestallung, Hafer und Heu 16 Gulden bezahlt werden. Weil das Futter dort so teuer und ein Roß von der Reise „krumm“ geworden war, verkaufte Nessel die beiden Pferde an den bayerischen Rittmeister Johann Karl von Schwingenhammer um 40 Gulden. Die Rückführung von Passau nach der Befreiung Wiens erfolgte in Etappen. Der kleine Bestand der Hofbibliothek wurde nun auf dem Wasserweg zunächst nach Linz befördert, das am 23. September er­reicht wurde. Für diesen Transport mußte Nessel 9 Gulden und als Träger­lohn für die Transportierung der Bücher vom Schiff ins Quartier 2 Gul­den bezahlen. In Linz, wo Nessel volle sieben Wochen verbleiben sollte, mietete er sich am 2. Oktober ein Zimmer. Dort scheint der Hofbibliothekar in Geldschwierigkeiten gekommen zu sein. Er bat schriftlich die Hofkam­mer in Wien, ihm für die bisherigen Kosten der Flüchtung im Betrage von 207 Gulden das zweite Quartal der für die Bibliothek zustehenden 250 Gulden und das dritte Quartal seiner Besoldung von 227 Gulden zu bezahlen. Dies wurde am 6. November vom Hofzahlamt in Wien bewilligt und am 12. November empfing Nessel das Geld in Linz. Zwei Tage später, am 14. November, verließ er Linz mit den Bibliothekssachen zu Schiff und traf am 19. November in Wien ein. Am 21. November 1683, ungefähr um 5 Uhr nachmittags, betrat Nessel „nicht ohne innere Freude“ erstmals wieder die Hofbibliothek in Wien60). Rückschauend kann man die 1683 zur Erhaltung der Kulturgüter einge­leiteten Anordnungen als Vorläufer denkmalpflegerischer Maßnahmen im Kriege bezeichnen, die im Zeitalter des Absolutismus vom Herrscher aus­gingen und von den Hofleuten praktisch, ja oft sogar initiativ durch­geführt wurden. Dabei war wohl auch das verständliche Bestreben für die Möglichkeit der Flucht der Hofleute aus Wien maßgebend. Der gestaffelte und getrennte Abtransport der Kulturgüter aus Wien, der durch das über­raschende Auftreten der Türken in Eile durchgeführt werden mußte, ließ zuerst an die Rettung der Symbole des Herrschers denken, die unzertrenn­lich mit dem Besitz des Landes verbunden sind. Dem Abtransport der °°) HKA., Hoffinanz 1683 Juli 28., fol. 275, November 6, fol. 96—-101: Österr. Nationalbibliothek Wien, Handschrift 8.275; vgl. Sturminger, n. 1137, S. 310 ff. Die Ansicht Doubliers, Nessel hätte für die Sicherung der Bibliothek nichts getan, ist also nicht zutreffend.

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