Mitteilungen des Österreichischen Staatsarchivs 10. (1957)

PILLICH, Walter: Die Flüchtung der Schatzkammer, des Archivs und der Hofbibliothek aus Wien im Jahre 1683

Flüchtling der Schatzkammer, des Archivs und der Hofbibliothek aus Wien 143 Wien weggebracht werden konnten43). In diesem Zusammenhang scheint auch der kaiserliche Hartschier, Johann Georg Mezberger, 16 Tage lang auf dem Weg von Wien bis Linz einen Teil des „Kay. Cammer Schaz“ ge­sichert zu haben 44). Auch „Altärl u. Apodeckl“, für die regierende Kaiserin bestimmt, wurden auf Stangen in 3 Tagen von Linz nach Passau getragen und vom kaiserlichen Hartschier Ferdinand Weginger zur Sicherung be­gleitet45). Außerdem sind „geld wägen“ von Wien nach Linz geflüchtet worden, die von 4 Hartschieren und von Linz nach Passau nur von 3 Hartschieren gesichert wurden46). Aus allen diesen Angaben läßt sich kein einheitliches Bild gewinnen, inwieweit es sich tatsächlich um die gesamte Sicherung und Flüchtling der kaiserlichen Schatzkammer oder um Kunst- und Gebrauchsgegenstände des kaiserlichen Hofes handelte. Es wurde ängstlich vermieden, darüber Aufzeichnungen zu machen, um die Flucht geheim zu halten. Während der größere Teil der kaiserlichen Schatzkammer sicher aus Wien gebracht wurde, verblieb die kaiserliche Kunstkammer im belagerten Wien. Der als Maler bekannte Hofkaplan Jan Anton van der Baren war damals Kunstkammerinspektor 47). Unter ihm diente Bartholomäus Auchter 14 Jahre und verblieb mit „Hindansetzung des seinigen“ während der Türkenbelagerung bei der Kunstkammer. Auchter fand dann als Kapellen­diener bei der Kaiserinwitwe Verwendung und bewarb sich 1689 auf Grund dieser Verdienste um eine Exspektanz auf eine andere Hofstelle 48). Nachdem am 5. Juli 1683 beim mehrmals erwähnten Geheimen Rat die Flucht des Kaisers mit seinem Hofstaat beschlossen worden war, mußten zwangsläufig auch die zentralen Verwaltungsstellen für das Reich, die Länder und die Hofstellen ihre Registraturen und Archive aus Wien fort­bringen. Noch am selben Tag begann man in der Registratur der Reichs­hofkanzlei die Akten einzupacken49). Freilich dürften dabei nur die wich­tigsten und wertvollsten Akten in den 4 eisernen Truhen rasch „einballiert“ worden sein, wozu eigens drei Tagwerker beschäftigt wurden. Mit der Flüchtung war der Registrator der deutschen Expedition der Reichshof­43) Sturminger, n. 2082, S. 222. 44) HKA., Hofzahlamtsbuch 1683, fol. 245 v, Mezberger erhielt hiefür 24 Gulden. 45) HKA., Hofzahlamtsbuch 1683, fol. 245 v, Weginger erhielt 4 Gulden 30 Kreuzer. 46) HKA., Hofzahlamtsbuch 1683, fol. 245 rv, hiefür wurden 55 Gulden 30 Kreuzer bezahlt. 47) A. Lhotsky, a. a. 0„ Bd. II/l, S. 357 f. Baren starb 71jährig am 1. Jänner 1687 zu Wien. Quellen z. Gesch. d. Stadt Wien, Bd. 1/6, S. 285. 48) HHuStA., Obersthofmeisteramt, Hofparteienprotokoll 1689 Juni 5., fol. 152 rv. 49) Sturminger, n. 716, S. 382 f. Hier muß wohl vorausgeschickt werden, daß der Begriff Archiv und Registratur im heutigen Sinn noch nicht eindeutig fest­gelegt war.

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