Mitteilungen des Österreichischen Staatsarchivs 10. (1957)
PILLICH, Walter: Die Flüchtung der Schatzkammer, des Archivs und der Hofbibliothek aus Wien im Jahre 1683
Fluchtung der Schatzkammer, des Archivs und der Hofbibliothek aus Wien 139 zögerte sich, nachdem darüber auch die ungarische Hofkammer befragt worden war, bis 14. August 1684. Damals beantragte die Hofkammer den Pauschalbetrag von 1.000 Gulden für Erdödy, was auch die Zustimmung des Kaisers fand14). Die glückliche Befreiung Wiens setzte sich militärisch in der Verfolgung der abziehenden Türken in Ungarn fort. Sie erreichte ihren Höhepunkt am 12. August 1687 in der Schlacht bei Mohács, die die türkische Herrschaft über Ungarn beendete. Unter dem Eindruck dieses Sieges lud der Kaiser bereits am 22. August den ungarischen Palatin, Paul Graf Esterházy, die beiden Kronhüter, Graf Zichy und Graf Erdödy, sowie den ungarischen Hofkanzler und weitere geistliche und weltliche Magnaten nach Wien in die Hofburg zur Restituierung der ungarischen Kroninsignien ein. In ihrer Gegenwart wurde in der Schatzkammer die eiserne Truhe geöffnet und ihr Inhalt nach dem darin liegenden „Register“ überprüft, richtig befunden und wieder versiegelt. Nach verschiedenen Feierlichkeiten wurde dann am 7. Oktober 1687 die eiserne Truhe mit den Kroninsignien durch kaiserliche Kammertrabanten auf einen offenen, mit einem türkischen Teppich ausgelegten Kammerdienerwagen15) getragen und mit einer roten Samtdecke bedeckt. Auf dem mit 6 kaiserlichen Rossen bespannten Wagen nahmen die zwei Kronhüter Platz. Die halbe Hartschierleibgarde gab das Geleite. Nach einer Nächtigung in Bruck an der Leitha erreichte der feierliche Zug am 8. Oktober 1687 vormittags das Schloß in Preßburg16). Die bereits erwähnte Sitzung des Geheimen Rates am 5. Juli 1683 scheint aber auch noch andere entscheidende Anordnungen über die Bergung der Kulturgüter in der Residenzstadt ausgelöst zu haben. Bereits am 6. Juli wurde der „Kayserliche Schatz“ von Wien weggeführt17). Der kaiserliche Schatzmeister Johann Georg Ladner von Ladenburg scheint damit betraut worden zu sein. „Zur erkhauffung unterschiedlicher Notturfften in die Kay: Schaz Cammer wegen deß Türckhen Kriegs“ wurden ihm 50 Gulden angewiesen18). Über den Bestand der Schatzkammer aus dieser Zeit liegen keine Inven- tare vor. Man wird sich daher zeitlich an die sehr ausführliche „Beschreibung Der Kayserlichen Geist- vnnd Weltlichen Schatz-Cammer in Wienn / Von denen vornehmbsten Stücken / so alldar denckwürdig zu sehen seynd“ halten müssen, die 1680 in Druck erschienen ist19) und auf ein handschriftliches Verzeichnis der Schatzkammer von 1677 zurückgehen dürf14) Hofkammerarchiv (=HKA.), Ungarische Hoffinanz, 1684 Juli 23., vgl. hiezu Sturminger, n. 2152, II. Abt., S. 20 f. !5) Die eiserne Truhe hatte auf keinem anderen Wagen Platz. HHuStA., Zeremonialakten A, Karton 6. — Dies läßt darauf schließen, daß auch bei der Flucht ein solcher Wagen verwendet wurde. !«) HHuStA., Zer. Prot., 1681—91, fol. 231 ff. 17) Sturminger, n. 716, S. 383. !8) HKA., Hofzahlamtsbuch 1683, fol. 335 v. 19) HHuStA., Bibliothek, Signatur rot 740.