Mitteilungen des Österreichischen Staatsarchivs 10. (1957)
PILLICH, Walter: Die Flüchtung der Schatzkammer, des Archivs und der Hofbibliothek aus Wien im Jahre 1683
Die Flüchtung der Schatzkammer, des Archivs und der Hofbibliothek aus Wien im Jahre 1683. Von Walter Pillich (Wien). Es ist eine Fügung der Geschichte, daß gerade unter einem Herrscher, der selbst unkriegerisch veranlagt und mehr den schönen Künsten und der Kultur zugetan war, die österreichischen Erblande durch die siegreichen Türkenkriege zur europäischen Großmacht wurden. Zunächst löste zwar der Friedensschluß von Eisenburg 1664 in Ungarn, namentlich bei den Magnaten, Unzufriedenheit aus. Die Niederwerfung des Aufstandes und die Einführung zentralistischer und gegenreformatoriseher Maßnahmen führten die Aufständischen zum Bündnis mit Frankreich und den Türken. Die Bestellung des Fürsten Paul Esterházy zum Palatin von Ungarn wurde mit der Ausrufung des vom Kaiser abgefallenen Grafen Tököly zum Fürsten von Ungarn unter türkischem Protektorat beantwortet. Als schließlich am 31. März 1683 Kaiser Leopold I. mit dem Polenkönig Johann Sobieski noch ein Bündnis abschloß, brach Sultan Mohammed IV. mit großer Heeresmacht gegen Westen auf >)• Die Lage in Ungarn, so berichtet der Palatin aus dem Feldlager Schintau am linken Ufer der Waag am 30. Juni 1683 an den Kaiser, sei für die noch in den wenigen Komitaten treu gebliebenen Ungarn so prekär, daß er auch „besorgt um die heilige Reichskrone“ sei. Esterházy befürchtet, daß in dem schwach befestigten Preßburg die Stephanskrone größter Gefahr ausgesetzt sei und meint „sie sollte anderswohin gebracht werden“, um sie nicht in die Gewalt anderer kommen zu lassen2). Diese Nachricht hat die Residenzstadt Wien alarmiert und zweifellos bei den verantwortlichen Männern einen nahezu systematischen Plan für die Flüchtung der dort verwahrten Kulturgüter ausgelöst. Auch der Kaiser befahl sogleich, die ungarische Krone aus Preßburg nach Wien in Sicherheit zu bringen. Er stellte hiezu am 2. Juli ein Creditiv dem 72jährigen Vizepräsidenten des Hofkriegsrates Kaspar Zdenko 1) Vgl. hiezu im allgemeinen: Walter Sturminger, Bibliographie und Ikonographie der Türkenbelagerungen Wiens 1529 und 1683, Graz-Köln 1955 (Veröffentlichungen der Kommission für neuere Geschichte Österreichs, Bd. 41) (= Sturminger), insbesondere n. 1955. 2) Sturminger, n. 2554, Bd. I. S. 10—13, in deutscher Übersetzung, n. 2521, S. 212; über die Stephanskrone vgl. Mathilde Uhlirz, Die Krone des heiligen Stephan, des ersten Königs v. Ungarn. Graz, Wien, München (1951), mit ausführlicher Literaturangabe.