Mitteilungen des Österreichischen Staatsarchivs 9. (1956)
SPRUNCK, Alphonse: Vizekanzler Johann Philipp von Cobenzl und der belgische Aufstand von 1790 nach seinen Berichten an Kaunitz
54 Alphonse Sprunck der Bank Bethmann, die Cobenzl für die nächsten Tage erwartete, in Trier bleiben. Mit mehreren Privatpersonen hatte der Vizekanzler Luxemburg am Nachmittag des 27. Dezember verlassen, nachdem er vielen geraten hatte, dasselbe zu tun, sobald sie über Pferde verfügten, von denen viele für den Transport von Lebensmitteln benötigt wurden. Vor allem wollte er jede Panik vermeiden. Gleich am Abend setzte er sich in Trier an die Arbeit und sammelte am selben Tage etwa 30.000 Gulden sowie einige Wagen Lebensmittel und einiges Schlachtvieh, das er alles nach Luxemburg senden wollte. Mit Ankäufen im Kurfürstentum Trier mußte er sehr vorsichtig zu Werke gehen, da die Bevölkerung über die zahlreichen französichen Emigranten sehr aufgebracht war und eine Teuerung befürchtete. Der ursprüngliche Plan, die Festung Luxemburg für vier Monate zu verproviantieren, konnte nicht mehr durchgeführt werden; nur ein hartnäckiger Widerstand der kaiserlichen Truppen in der Umgebung von Arlon konnte ihre Blockade verhindern. Cobenzl bat Kaunitz, möglichst rasch energische Maßnahmen zum Schutz der Provinz Luxemburg zu ergreifen. Seinem Briefe legte er einen Bericht bei über die Gelder, die die niederländische Regierung bei ihrer hastigen Flucht aus Brüssel dort vergessen hatte. Da die Brabanter Rebellen mehrere Regierungsräte verhaftet sowie hervorragende Mitglieder des belgischen Adels und den kaiserlichen Schatzmeister Edouard de Walckiersn) gezwungen hatten, in ihre Dienste zu treten, hielt der Vizekanzler jedes friedliche Abkommen mit ihnen für unmöglich, doch erwartete er noch immer Berichte von seinen Geheimagenten. Ein Brief des Staatskanzlers vom 15. Dezember, den Cobenzl gerade erhielt, als er diesen Bericht absenden wollte, war schon durch die Ereignisse überholt. Am 23. Dezember bescheinigte Kaunitz dem Vizekanzler den Empfang seiner Briefe von Koblenz, Polch und Wittlich. Er tadelte sehr scharf die Nachlässigkeit von Trauttmansdorf und d’Alton, die die Einnahme Brüssels wenigstens einige Tage vorher hätten voraussehen müssen und gerade ihre wichtigste Aufgabe, die Sicherung der Staatsgelder vernachlässigt hätten. Der Kaiser hatte sofort die Hofräte Spielmann, Bolza, Türckheim und Lederer zusammengerufen; den Bericht über die Beschlüsse des Kriegsrates fügte Kaunitz seinem Briefe bei. Die Finanzverwaltung hatte ihm mitgeteilt, sie habe am 22. Dezember die Bank Bethmann angewiesen, unter militärischer Bedeckung 300.000 Gulden von Frankfurt nach Luxemburg bringen zu lassen; der begleitende Regierungskommissar mußte sich bei Cobenzl vorstellen und von ihm Quittung erhalten. Kaunitz billigte alle Maßnahmen, die Cobenzl für die Verproviantierung der Festung Luxemn) Angaben über Walckiers finden sich außer in der Biographie Nationale de Belgique in einem besonderen Kapitel des Werkes von Suzanne Tassier: Figures Révolutionnaires (XVIII siede).