Mitteilungen des Österreichischen Staatsarchivs 9. (1956)
WAGNER, Hans: Die Briefsammlung Gauchez
596 Literaturberichte Revolution begann jedoch eine neue, letzten Endes für beide Kaiserreiche katastrophale Entwicklung. Das wichtigste Ergebnis im Hinblick auf den weiteren Verlauf der Annexionskrise möchte ich in der wiederholten Festeteilung des Verf. erblicken, daß Iswolsky schon sehr frühzeitig zu optimistisch mit einer Unterstützung seitens Englands in der Meerengenfrage rechnete. Bei der Kritik an der Politik Aehrenthals wäre es vielleicht auch am Platz gewesen, etwas näher auf das persönliche Verhältnis der beiden Außenminister zueinander einzugehen. Im ganzen stellt jedoch die entsagungsvolle und fleißige Arbeit Carlgrens einen sehr wichtigen objektiven Beitrag zur diplomatischen Vorgeschichte des Ersten Weltkriegs dar. Rudolf Neck (Wien). Jedlicka Ludwig, Ein Heer im Schatten der Parteien. Die militärpolitische Lage Österreichs 1918—1938. Verlag Hermann Böhlaus Nachf. Graz-Köln 1955. 200 Seiten, 8 Tafeln. Es war sicherlich ein Wagnis, in so kurzem Zeitabstand von den tatsächlichen Ereignissen und ohne die Möglichkeit einer Benützung der einschlägigen Akten, die noch der Archivsperre unterliegen, eine objektive Geschichte der Entstehung sowie der politischen und militärischen Wirksamkeit der österreichischen Wehrmacht in den zwei Jahrzehnten des Bestandes der ersten Republik zu verfassen. Als Ersatz für den aktenmäßigen Niederschlag zog der Autor die damalige Tagespresse und ein sehr umfangreiches Schrifttum heran. Auch wurden ihm die Aufzeichnungen von damals in verantwortlicher Stellung gewesenen Persönlichkeiten sowie sonstige einschlägige Studien zur Verfügung gestellt. Schließlich schlossen mündliche Mitteilungen von ehemals Beteiligten manche Lücke in der mit großer Gewissenhaftigkeit verfaßten Heeresgeschichte, die infolge der engen Verknüpfung des militärischen Geschehens in Österreich mit der politischen Entwicklung unseres Heimatlandes auch einen wichtigen Beitrag zur Gesamtgeschichte der Republik bildet. Der Autor schildert zunächst in anschaulicher Weise den dornenvollen Weg der Wehrmacht der jungen Republik von der „Roten Garde“ über die Volkswehr zu dem durch den Diktatfrieden von St. Germain aufgezwungenen Söldnerheer. Er berichtet über das Problem des Soldateneides, den die Offiziere dem Kaiser geleistet hatten; über die Frage der Tradition, die von den Sozialdemokraten abgelehnt und bekämpft wurde; über die Gefahren des bis 1920 drohenden Bürgerkrieges und über die ersten Kämpfe des jungen Heeres, um die in Kärnten und im Wechselgebiet bedrohten Grenzen zu schützen. Infolge der Angst der Sozialdemokraten vor einer monarchistischen Reaktion war die Politik der Linksstehenden darauf angelegt, aus dem Berufsheer eine Partei-Armee zu machen. Ein gutes Jahrfünft lenkte das Heeresressort der der Sozialdemokratie angehörende Staatssekretär Dr. Julius Deutsch ganz nach den Interessen seiner Partei. Hiebei wurde der gewerkschaftliche Gedanke in die Armee hineingetragen, eine neue, dem alten Soldaten kaum verständliche und von ihm auch nicht gutgeheißene Maßnahme.