Mitteilungen des Österreichischen Staatsarchivs 9. (1956)
WAGNER, Hans: Die Briefsammlung Gauchez
Österreich 581 Den englischen Beziehungen Gauchez’ und dem Vorfall mit der Akademie verdankt die Sammlung einen weiteren wertvollen Brief, ein Schreiben Robert Louis Stevensons in französischer Sprache an Rodin. Der Brief, der im Anhang abgedruckt ist23) — er dürfte bisher kaum bekannt geworden sein —, enthält auch eine Mitteilung an Gauchez, in der sich Stevenson bereit erklärt, über Literatur, Kunst, Künstler oder Frankreich und England zu schreiben. Offenbar war ihm ein Artikel in der „L’Art“ angeboten worden, zu dem es dann allerdings nicht gekommen ist. Deshalb wird Rodin auch den Brief an Gauchez weitergegeben haben. Aus einem Zeitraum von zwanzig Jahren, von 1874 bis 1894, sind 64 Briefe von Jules Dalou an Gauchez vorhanden. Dalou, der Schöpfer des monumentalen Denkmals „Triomphe de la République“ auf der Place de la Nation, mußte wegen seiner Teilnahme am Aufstand der Commune nach England flüchten, von wo er erst 1879 zurückkehren konnte. Dort hat ihn Gauchez kennengelernt und sich sehr für seine Amnestie eingesetzt, wie wiederholte Danksagungen Dalous in den Briefen beweisen. Ein herzliches Verhältnis hat zwischen den beiden bestanden; so schreibt Dalou 1881, nachdem er Gauchez zur Besichtigung eines Reliefs in sein Atelier eingeladen hatte: „C’est ä l’ami que je l’ai montré et non pas au directeur de l’Art.“ Dalou war von einer bei einem Künstler seltenen Bescheidenheit und Einfachheit. Als er 1874 von Gauchez aufgefordert wurde, biographische Daten mitzuteilen, lud er den Kunsthändler in sein Atelier ein, da ihm das Schreiben zu mühsam war. Für seinen Freund Le Gros, der ihm in London sein Atelier zur Verfügung gestellt und die ersten Schritte in der Fremde erleichtert hatte, sandte er Gauchez jedoch biographische Angaben auf nicht weniger als achtzehn Seiten, die er im folgenden Brief noch ergänzen mußte, weil Gauchez — sehr zur Belustigung der Freunde Dalous — die langen Lobeshymnen zu wenig exakt gewesen waren. Seit 1879 ist in den Briefen von seinem bedeutendsten Werk, dem „Triumph der Republik“ die Rede, zuerst nur in geheimnisvoller Weise von einem Projekt, das Gauchez besichtigen soll. Im Mai 1880 war der Entwurf fertig und vom Stadtrat genehmigt. Dann arbeitete Dalou an den Reliefs — so dem von Mirabeau — unter ständigen Besprechungen mit Gauchez und Rodin, schließlich konnte er 1883 den Ankauf des Modells um 20.000 Francs durch die Stadt Paris melden. Gauchez als Sammler. Außer der Aufbewahrung von Korrespondenzen an ihn persönlich oder an die Zeitschrift „L’Art“ sammelte Gauchez Autographen, die aus dem Besitz seiner Verwandten, Freunde oder Bekannten stammten oder die er gelegentlich auf Auktionen erworben hat. Die Trennung dieser Briefe nach den verschiedenen Provenienzen ist natürlich nicht genauer durchzuführen. Immerhin aber lassen sich bei den nicht deutlich durch den Autographenhandel gekennzeichneten Stücken drei kleinere Gruppen erkennen. 23) Siehe unten, S. 587.