Mitteilungen des Österreichischen Staatsarchivs 9. (1956)

WAGNER, Hans: Die Briefsammlung Gauchez

Österreich 577 Torlonia in Rom. Alessandro Torlonia, Principe di Civitella Cesi und seit 1875 auch Principe di Fucino — er hatte aus eigenen Mitteln den See von Fucino trockengelegt und als Anerkennung dieses Prädikat erhalten —, war der Chef des jüngeren Zweiges der berühmten römischen Bankiers­familie. Er beschloß 1876, die von seinem Vater und ihm zusammenge­brachte Sammlung von antiken Skulpturen und Kaiserbüsten zu verkaufen. Er forderte als Preis fünfzig Millionen Francs, von denen Gauchez als Vermittler 15 Prozent erhalten sollte. Die Sammlung wurde photographiert und der Baron Pietro Ercole Visconti, ein bekannter Archäologe, verfer­tigte einen Katalog. Eine Beschreibung der bedeutendsten Kunstwerke wurde von Visconti im „L’Art“ veröffentlicht13). Wegen der für die da­malige Zeit gigantischen Summe konnte Gauchez aber keinen Käufer finden. Immer ungeduldiger und mahnender wurden die Briefe des Fürsten, der zum Beweis des Wertes der Skulpturen der Korrespondenz einmal auch einige Briefe der in der damaligen römischen Gesellschaft tonangebenden Prinzessin Karoline Sayn-Wittgenstein in Abschrift beilegte, die sich, durch die Artikel Viscontis auf die Sammlung aufmerksam gemacht, die Besich­tigung erbeten und dann in überschwänglichen Worten über ihre Eindrücke geäußert hatte. 1877 zerschlugen sich die Verhandlungen endgültig und das Museum Torlonia in der Via della Lungara in Trastevere befindet sich noch heute im Familienbesitz. Als Kuriosum soll auch eine andere, ebenfalls nicht zustandegekommene Transaktion Gauchez’ mit Fürst Richard Metternich, dem österreichischen Gesandten in Paris, angeführt werden. Dieser wollte 1877 einen Rokoko- Schreibtisch aus dem Besitz des Herzogs von Choiseul verkaufen, wohl um den Umbau seines Palais am Rennweg zu finanzieren. Er forderte dafür die ungeheure Summe von 400.000 Francs. Gauchez sollte als Vermittlungs­gebühr fünf Prozent erhalten. Es gelang Gauchez bald, einen Käufer aufzu­treiben, der 350.000 Francs, immer noch 175.000 Gulden österreichischer Währung, bezahlen wollte. Fürst Metternich überließ die Korrespondenz in dieser Angelegenheit meist seiner Frau Pauline. So befinden sich in der Briefsammlung auch eine ganze Anzahl Briefe in der schönen, charakteri­stischen Handschrift der Fürstin. Pauline schilderte Gauchez genau die Geschichte dieses ungemein kostbaren Möbelstückes, das von der Prinzessin Wilhelmine von Sagan, geborenen Prinzessin von Kurland, dem Schwieger- und Großvater Paulines, dem Staatskanzler, geschenkt worden war. Der Schreibtisch war mit dem Wappen des Herzogs von Choiseul versehen. Nach vielen, sich kreuzenden Briefen bestand der Fürst schließlich auf einer Summe von 380.000 Francs. Deshalb zerschlugen sich die Verhand­lungen mit dem ersten, ungenannten Käufer, Gauchez konnte aber über­raschend schnell einen zweiten Interessenten, den Baron Edmond de Roth­schild, auftreiben. Wieder wurden die Verhandlungen längere Zeit brief­lich fortgesetzt, endlich war Rothschild bereit, den geforderten Preis zu zahlen — da erklärte Fürst Richard plötzlich, am Verkauf nicht mehr interessiert zu sein und auch einen Preis von 500.000 Francs nicht mehr anzunehmen. Pauline schreibt in diesem letzten Brief: „Je ne vous 13) Le Musée Torlonia, L’Art 1876, Band 1 bis 4. Mitteilungen, Band 9 37

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