Mitteilungen des Österreichischen Staatsarchivs 9. (1956)

CHRISTOPH, Paul: Dokumente zu den Restaurationsversuchen des Königs Karl IV. von Ungarn

542 Paul Christoph Fernándy provoziert, um ihn durch den Grafen Ráday zu ersetzen, der von vornherein für das Projekt gewonnen war. Die Wortführer der Nationalversammlung, insbesondere jene der Partei der Kleinen Land­wirte, hatten diese Ernennung verhindert. Teleki war gezwungen, diesen Posten provisorisch dem Justizminister Tomscányi anzuvertrauen. Seither haben die Agrarier dem Teleki eine Frist für die Ernennung eines habsburgfeindlichen und ihrer Partei angehörenden Innenministers gesetzt. Sie haben die Kandidatur des Grafen Széchényi abgelehnt, den ihnen Teleki zu suggerieren versuchte. Die Frist läuft am 14. April ab. Wenn Teleki kapituliert, würde der Plan scheitern. Karl ist sehr pressiert. Vor allem ist es sein Geldmangel, der ihn bedrängt. Dann ermutigt ihn die politische Konstellation. „Deutschland widersteht und bereitet einen Gegenschlag vor.“ Italien ist in vollem Wahl- und Revolutionsfieber. In Wien „hat man alles für einen Aufstand in Kroatien und Montenegro vorbereitet“. Die kroatischen Agenten (die beiden Brüder Frank) und die Montenegriner (Plamenaz) wühlen in Wien und beziehen Subventionen von der ungarischen Regierung. Zwi­schen Josef und seinem Schwager, dem Prinzen Konrad von Bayern, existiert ein Pakt für den Fall, daß es sich darum handeln sollte, „gegen Wien zu marschieren“. Um Konrad sammeln sich in diesem Augenblick die Monarchisten von Bayern. Und in Wien handelt es sich darum, zuerst die sozialistische Miliz zu vernichten, die die frühere sozialistische Regierung (Seitz-Renner) geschaffen hat und deren sich die Christlich­sozialen mit Mayr bis jetzt nicht hatten entledigen können. In Wien ist der ganze Habsburgerapparat in Funktion: die frühere Bürokratie mit den Ministern Dumba und Klein und den früheren Gene­rälen, die dem „Kaiserhause“ treu geblieben sind. Dieser Apparat ist umso aktiver als die Deutschen zu verstehen gegeben haben, daß sie gegenwärtig an eine Annexion eines „Österreich ohne Mittel“ nicht denken. Und jetzt zum Plan: Unter dem Vorwand, Westungarn zu retten, würde sich Karl an die Spitze der ungarischen Armee stellen, die ihn nach Wien brächte, wo er sich von neuem zum Kaiser von Österreich proklamieren würde, da er niemals aufgehört hat, apostolischer König von Ungarn zu sein. Die Doppelmonarchie würde so wiederhergestellt sein, während Italien und Jugoslavien mit ihren Revolutionären zu tun hätten. Tschechen und Walachen würden nicht ohne ihre Alliierten von der Kleinen Entente zu intervenieren wagen. Die Bayern würden das Unternehmen decken, während Deutschland im Siedezustand die Große Entente paralysieren würde. Selbstverständlich werden die Demokraten der Nationalversammlung, deren Auflösung die Präambel des Unternehmens wäre, die Herausfor­derung annehmen. Sie verlangen die sofortige Einberufung der National-

Next

/
Thumbnails
Contents