Mitteilungen des Österreichischen Staatsarchivs 9. (1956)
CHRISTOPH, Paul: Dokumente zu den Restaurationsversuchen des Königs Karl IV. von Ungarn
536 Paul Christoph Politisches Bulletin vom 26. Januar 1921. Der Abgeordnete Aladár Balla 7) hat dieser Tage die Komödie aufgezeigt, die Gratz und Kanya im Einverständnis mit Mayr und der christlichsozialen Regierung in Wien hinsichtlich der Frage Westungarns spielen. Nach Balla, dessen Rede in den heutigen Blättern von der Zensur entstellt wurde, verfolgen alle diese österreichisch-ungarischen Verhandlungen betreffend Westungarn das einzige Ziel, die Entente zu täuschen. Es gibt keine Differenzen zwischen den Agenten des früheren Regimes in Wien und Budapest. Sie haben sich hinsichtlich der westungarischen Frage geeinigt, während sie einen schweren Zwiespalt vorheucheln. Es ist eine Lüge, daß die ungarische Regierung ihre Handelsbeziehungen zu Österreich abgebrochen hat, und daß sie sich weigert, einen neuen Handelsvertrag zu unterzeichnen. Trotzdem dieser Vertrag offiziell nicht unterzeichnet ist, ist er nichtsdestoweniger in Kraft. Ungarn versorgt weiter Österreich, indem es ihm Tausende von Tonnen Mehl schickt, während die Armen von Budapest ein abscheuliches und ungesundes Maisbrot essen. Balla (Antihabsburger) hat Gratz des Jesuitentums und Servilismus beschuldigt. Gratz macht auch als Minister das, was er als Journalist getan hat: „Er ist gleichzeitig Anhänger der Doppelmonarchie und Pangermanist.“ Dieser Abgeordnete ist in seiner Anklagerede soweit gegangen, durch- blicken zu lassen, daß auch die militärischen Vorbereitungen in Westungarn nur auf die Erleichterung eines Habsburgerputsches abzielen. Fast zur gleichen Zeit haben die Sozialisten und die Großdeutschen in Wien denselben Verdacht ausgesprochen. Der frühere sozialistische Kanzler, Herr Renner, verspottet die Unterhandlungen, die der Habsburganhänger Csáky mit dem Chef der Habsburgerspionage Pogatscher, dem intimen Berater des Kanzlers Mayr, des Freundes von Gratz, fortsetzt. Die österreichischen Sozialisten verlangen, daß diese Unterhandlungen von den Parteien des Parlaments kontrolliert werden, da sie sonst mit der berüchtigten „Promenade Horthys nach Wien“ und der Habsburgerrestauration durch die vereinigten Bemühungen der Agenten des früheren Regimes enden werden. Eckhardt und Gömbös bestreiten, in „direkten“ Beziehungen zu dem deutschen Spion Lincoln Trebitsch gestanden zu sein. Nichtsdestoweniger standen sie mit ihm in „indirekten“ Beziehungen, und nach den im intimen Kreis gemachten Äußerungen Gömbös’, hat Eckhardt der französischen Regierung durch Vermittlung von Trebitsch eine Denkschrift zugehen lassen, die Trebitsch den Franzosen um einige Millionen Francs verkauft haben soll (?). 7) Er gehörte der äußersten Linken an.