Mitteilungen des Österreichischen Staatsarchivs 9. (1956)
KRAMER, Hans: Fürstbischof Dr. Cölestin Endrici von Trient während des ersten Weltkrieges. Nach neu gefundenen Akten
Fürstbischof Dr. Cölestin Endrici von Trient 525 des AOK. und der Generale, sehr scharfe Maßnahmen gegen Endrici zu ergreifen, möglichst nicht beachtet und dadurch weit härtere Strafen von ihm abgehalten, die allerdings nicht nur moralisch verwerflich, sondern auch unklug gewesen wären. Hussarek schrieb nach 14 Jahren (1932), daß die „strafgerichtliche Verfolgung eines Kirchenfürsten wegen politischer Delikte zu den peinlichsten, aber auch undankbarsten Aufgaben einer Regierung gehöre.“ Das Kultusministerium hat gegenüber Endrici viel Langmut bewiesen. Das Ministerium des Äußeren sowie die öst.-ung. Botschaft beim Hl. Stuhl in der Schweiz haben mit viel Geduld in einer wohl aussichtslosen Sache die damals üblichen feinen Formen des diplomatischen Verkehrs gewahrt. Das Ziel, von der Kurie etwas gegen Endrici zu erlangen, war unerreichbar. Man verfiel also nie in Radikalismus. Man suchte immer einen „modus vivendi“ zu finden. Man hat auf manches, das in guter Form nicht zu erreichen war, achselzuckend verzichtet. So möchte ich das Gegenteil von dem, was in der italienischen Literatur immer behauptet wird, sagen: die Form der Behandlung der Angelegenheit des Fürstbischofs Endrici spricht im großen und ganzen weit mehr für als gegen die alte öst.-ung. Regierung81). Endrici ist als ungebrochener, gesunder Mann am 13. November 1918 nach Trient zurückgekehrt. Die früher irredentistischen Kreise des Tren- tino sowie fast alle Kreise des alten Königreiches Italien feierten ihn als Märtyrer. Er hat sich dies zuerst nicht ungern gefallen lassen, wohl u. a. deswegen, weil es nicht nur seiner Person, sondern auch seinem Amt und seiner Diözese nützen sollte82). Er bewahrte seine scharf antiösterreichische Einstellung bis über das Jahr 1922 hinaus, in dem er noch eine wenig erfreuliche Rede in der Kapelle am früher viel umkämpften Monte Grappa hielt (4. August 1922). Aber Endrici wurde doch immer mehr abgeklärt und altersweise; sein Wesen wurde in manchem veredelt und geläutert. Er erlebte eben nach 1918 viele Enttäuschungen. Die faschistische Partei hat ihm manche Beleidigung zugefügt; sie hat seinem Werk, den katholischen Organisationen und z. T. den Einrichtungen des früheren Partito Popolare im Trentino manchen Schlag versetzt. Es wurden ihm über seinen Tod hinaus gerade von italienischer Seite aus auf einmal Vorwürfe gemacht, daß ausgerechnet er eine laue italienisch-nationale Gesinnung gehabt habe. In den letzten Jahren seines Lebens soll selbst Endrici dem alten Österreich nicht mehr so feindlich gesinnt gewesen sein. Er soll daran manches anerkannt haben. Die Leitung des deutschen Anteils seiner Diözese überließ er immer mehr einem Generalvikar, der ein Deutscher war. Es soll aber Endrici in seinen späteren Jahren selbst darum zu tun gewesen sein, ein besseres Verhältnis mit dem Pastoral81) Hussarek, Die Krise und die Lösung des Konkordats, a. a. 0., S. 388/389, Anm., Punkt 4. 82) Cucchetti, S. 514 f. Zanolini, S. 253 ff.