Mitteilungen des Österreichischen Staatsarchivs 9. (1956)
KRAMER, Hans: Fürstbischof Dr. Cölestin Endrici von Trient während des ersten Weltkrieges. Nach neu gefundenen Akten
Fürstbischof Dr. Cölestin Endrici von Trient 517 setzten sich die meisten italienischen Reichsrats- und Landtagsabgeordneten des Trentino für Endrici ein66). Die österreichische Presse hatte ja den Auftrag, sich über den Fall Endrici möglichst auszuschweigen. Seine Angelegenheit kam aber doch immer mehr in die deutschösterreichische Presse. Das „Neue Wiener Journal“, die „Neue Freie Presse“, die Wiener „Volkszeitung“, das „Fremdenblatt“ und die „Reichspost“ beschäftigten sich mit ihm. Letztere schrieb: „Kein Josefinismus, aber auch kein Irredentismus!“ Nach dem genannten Sterzinger Volkstag griffen die deutschnationalen und liberalen „Innsbrucker Nachrichten“ (vom 5. Juni 1918) Endrici scharf an. Er könne noch so „scheinheilig“ tun, die antiösterreichische Haltung des Klerus des Trentino strafe ihn Lügen. Dies sei sein Werk. Nun dürfen wir allerdings den Irredentismus unter der Geistlichkeit des Trentino nicht überschätzen. Die Wiener humoristische Zeitung „Muskete“ vom 27. Juni 1918 („Der Trientiner Katzenvater und der Volkstag von Sterzing“) hatte einen zu scharfen Artikel über Endrici gebracht. Sofort klagten die österreichischen Behörden, daß so etwas irreführe. Nicht der gesamte Klerus des italienischen Landesteiles sei irredentistisch und staatsfeindlich. Der gut österreichisch gesinnte Klerus und der Großteil der Bevölkerung könnten dadurch beleidigt werden. Die Zensur solle gegen solche übertriebene Artikel einschreiten 67). Die österreichischen Behörden bekamen auf Umwegen einzelne Nummern von Zeitungen aus dem Königreich Italien, die über Endrici berichteten. Diese Journale waren recht gut unterrichtet; allerdings bauschten sie manches in propagandistischerWeise auf. Der Bischof führe ein streng überwachtes Leben in Heiligenkreuz. Es schmerze ihn, daß er den sterbenden, bisher in Lagern konfinierten Italienern keinen religiösen Trost spenden könne. Hier wurde besonders auf das Lager Katzenau angespielt. Die Sterblichkeit seiner Insassen war aber nicht so groß. Rühmend wurde hervorgehoben, daß Endrici nicht am Begräbnis Kaiser Franz Josefs teilgenommen und daß er dem neuen Kaiser Karl I. nicht gehuldigt habe, was nicht den Tatsachen entsprach, wie oben dargelegt wurde. Endrici habe sich überhaupt völlig rechtfertigen können. Er habe als Bedingung seiner Rückkehr nach Trient die Entfernung des Feldmarschalls Conrad von Hötzendorf und des Leiters des Polizeikommissariates von Trient Dr. Muck verlangt. Es waren unrichtige Angaben. Endrici war nicht vollkommen gerechtfertigt. Die österreichische Regie66) Tommasini, S. 336. Zanolini, S. 216. Diss. Eigentier. Es intervenierten die Abgeordneten Conci, Degasperi (viel später Ministerpräsident von Italien) und de Gentili. 67) Zanolini, S. 225 ff. Ich erwähne nur eigens die Innsbrucker Nachrichten vom 5. Juni 1918 (Nr. 147) und die „Muskete“ v. 27. Juni 1918 (Nr. 665). („Der Trienter Katzenvater und der Volkstag von Sterzing“). Tiroler Statthalter Graf Meran an K.Min. v. 4. Juli 1918 (Geh.Präs.A.Ibk. u. Staatsarch.).