Mitteilungen des Österreichischen Staatsarchivs 9. (1956)

CORETH, Anna: Unbekannte Briefe P. Marco d'Avianos an P. Gabriel Pontifeser aus Klausen (1690–1697)

Unbekannte Briefe P. Marco d’Avianos an P. Gabriel Pontifeser aus Klausen 35 1691, hatte er Kaiser Leopold noch deutlicher geschrieben, er fürchte, daß der Franzose mit Hilfe von Geldzahlungen an seine Helfershelfer, die er am Kaiserhofe selbst an allerhöchsten Posten unterhalte, undenkliche Übel hervorrufen werde. So hatte der Kapuziner damals gefürchtet, wenn Gott die Rückeroberung von Belgrad gewähren sollte, würde man den Kaiser ver­anlassen die Festung zu schleifen, die doch die Eingangspforte für ganz Ungarn sei31). Auch jetzt aber, da er im Frühling und Frühsommer 1693 seine Klagen nach Spanien schickt, warnt Marco zugleich neuerdings den Monarchen: ... con humilissima riverenza dirö, che Vostra Majestä Cesarea in quella parte (bezüglich der ungarischen Angelegenheiten), temo, non solo sii mal servita, ma tradita, e pure di lä dipendono li veri avvantaggi e manteni- mento dell’Augustissima Casa d’Austria, e chi lo sä, applica indefesso con continuata sollecitudine tutto quello sä é puo per incoraggire, ajutare e per­suadere il Turcho, ehe non dorme .. .32). P. Marco meint auch, daß an vielem Unheil die Nachlässigkeit und Unkorrektheit der Höflinge und Minister, die zu ihrem eigenen Nutzen Politik machen, schuld sei: er macht immer wieder den Kaiser aufmerksam, daß ihm sowohl in der Kammer, wie auch im Kriegsrat überaus schlecht gedient werde, so daß es (jeweils) zu dem rechtzeitigen Beginn der Feld­züge zu spät sei, nur schwache Kräfte eingesetzt werden könnten, da die Rekruten noch nicht ausgehoben seien, und nur langsam marschiert werde33). Alljährlich erhebt sich dieselbe Warnung. Die Minister und Höflinge hätten auch den Grundsatz, ihrem Fürsten nie die volle Wahrheit zu sagen, sondern die Dinge zu beschönigen. P. Marco scheut sich tatsäch­lich nicht, dem Kaiser dessen Versäumnisse vorzuwerfen34): er sieht sehr wohl die bekannten Punkte des Versagens, dessen geringe Aktivität, Festigkeit und Strenge gegenüber den Untergebenen, dessen Unfähigkeit, mit einer Reform in seiner Umgebung durchzugreifen, wobei das Urteil Marcos über die (habsburgischen) Fürsten, die fromm seien und gute Absichten hätten, aber getäuscht würden, trotzdem in höchstem Maße für Kaiser Leopold gilt. Aus all dem sind nun die entsprechenden Stellen in den Briefen P. Mar­cos an P. Gabriel zu verstehen. Tatsächlich führte es im Sommer 1693 zu großen Mißerfolgen sowohl auf dem ungarischen Kriegsschauplatz, wie 1692 an laufenden geheimen Verhandlungen zwischen Frankreich und Wien, bei denen die Gestalten des in Dunkelheit gehüllten Baron von Voltenbourg und des Grafen Vela aus Vincenza Mittlerrollen spielten, vernommen, und ebenso­wenig, wie noch bis in neueste Zeit die Geschichtsforschung, geahnt, daß diese Unterhändler auch mit dem Kaiser selbst in Verbindung gestanden sind. Vgl. Srbik, a. a. O. 31) Klopp, S. 219, Nr. 238; Heyret, Briefwechsel II, S. 329. 32) Klopp, S. 236, Nr. 255; Heyret, ebenda, S. 358. 33) 28. April 1691. Klopp, S. 205, Nr. 225; Heyret, ebenda, S. 318. 34) 8. Mai 1691. Klopp, S. 207, Nr. 227; Heyret, ebenda, S. 318. 3*

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