Mitteilungen des Österreichischen Staatsarchivs 9. (1956)
CORETH, Anna: Unbekannte Briefe P. Marco d'Avianos an P. Gabriel Pontifeser aus Klausen (1690–1697)
26 Anna Coreth wohl befunden“, schreibt sie ihrem Bruder Johann Wilhelm6); durch die Wahl des Kapuzinerpaters aber wurde eine alte habsburgische Tradition, wonach Jesuiten als Beichtväter der Begenten fungierten, durchbrochen und dieser Orden erlitt eine Zurücksetzung, die zur Beliebtheit der Königin nicht beitrug. Überdies wurde aber die neue Stellung des Paters Gabriel auch dadurch erschwert, daß um die Königin einige Persönlichkeiten, die sie aus Deutschland mitgebracht hatte, vor allem die Hofdame Gräfin Berlepsch und der Sekretär Freiherr von Wiser, einen festen Ring bildeten, der sie beriet und in der Hand hatte und mehr und mehr den Unmut der Spanier erweckte. Es bestand für den deutschen Beichtvater natürlich die Gefahr, mit dieser Gruppe identifiziert zu werden. P. Marco, der Briefschreiber, hatte nach der Eroberung Belgrads durch die Kaiserlichen (1688) das Heer verlassen und sich vom Kaiser verabschiedet, um in ein norditalienisches Kloster heimzukehren 7). Dem Kaiser war es nicht gelungen, ihn zurückzuhalten, damit er als Berater ihm zur Seite bleibe; nur der ständige Briefwechsel wurde zugestanden und nach kurzem auch das Versprechen gegeben, zeitweise auf rasche Besuche nach Wien zu reisen, um wichtige Dinge zu beraten. So verbrachte P. Marco in den folgenden Jahren den Herbst und Winter in Norditalien, teils in intensiver seelsorglicher Tätigkeit und als Prediger, teils in der Einsamkeit seiner Zelle, während er sich zur Gewohnheit machte, nach Ostern seine Reise an den Kaiserhof anzutreten, von der er im Spätsommer zurückkehrte. Dies geschah in den Jahren 1689 und 1690; im Frühjahr 1691 war P. Marco durch eine schwere Krankheit während der Wintermonate so geschwächt, daß er erst im Juni einen Versuch machen konnte, seinen Reiseplan zu verwirklichen. Obwohl, wie er selbst gesteht, die Strapazen der Reise als Lebensgefahr vorauszusehen waren, glaubte er doch, seine Anwesenheit in Wien sei für die Christenheit und für den Kaiser vonnöten. Doch schon in Görz brach der kranke Pater zusammen, sechs Fieberanfälle beraubten ihn völlig seiner Kräfte und er mußte das Unternehmen aufgeben8). 1692 aber, 1695, 1697 und 1699 finden wir ihn doch wieder im 6) 27. Juli 1692, Madrid, Staatsarchiv München, Kasten blau 46/14; Baron Baumgarten berichtet am 24. Juli 1692 aus Madrid nach München: Mit hegster Verwunderung hat sy ihren beichtvatter, den gueten, erlichen Man, den pater Remus, verendert undt einen Capuciner, der vor wenig tag anherokhomen und compagne von pater Emeris gewesen, dazu erwehlt. Es hat nichts geholffen, das man vorgestelt, daß khein Exempel am spanischen hoff vorhanden; den wen man den beicht vatter verendert, eine ganze religion ausschließe. Es ist ein grober Verschmach bey der Societati Jesu derentwegen. Staatsarchiv München, Kasten schwarz 292/6; cit. nach Prinz Adalbert von Bayern, Das Ende der Habsburger in Spanien, Bd. 2, München 1929, S. 72. 7) Über ihn neben den Kommentaren zu seinem Briefwechsel von Heyret: dieselbe, Markus von Aviano O. M. Cap., apostolischer Missionär und päpstlicher Legat beim christlichen Heere, München 1931 und zahlreiche im Lexikon Capuccinum Sp. 1035—1038 verzeichnete Schriften und Aufsätze. 8) Heyret, Briefwechsel II, S. 322.