Mitteilungen des Österreichischen Staatsarchivs 9. (1956)

BAXA, Jakob: Adam Müller über die Zustände in Preußen 1815–1824

148 Jakob Baxa göttliche Verheißung irdischen Segens und Gedeihens bei sich hat, so glaube ich nach seinem musterhaften und liebevollen kindlichen Betragen in dieser schwierigen Epoche um so zuversichtlicher an eine gute Zukunft für Preußen. Dies ist für mich das Hauptresultat des ganzen Vorganges. Daß nebenher der Preußische Stolz und die Preußische Religion etwas gekränkt worden, kann ich auch für kein Unglück halten, und kann alles auf das Eine, was not ist, hinleiten helfen. Die wahre Königliche Würde wird trotz der Bosheit des Druckfehlers im Journal des debats nicht dar­unter leiden, wenn die Vergötterung, die seit 1813 in das Preußische Wort König übergegangen, etwas nachläßt; eben so wenig als das rechte Anden­ken an die Königin Luise dadurch gefährdet wird, daß es von der Luisen­religion etwas abkömmt, und selbst der Hohepriester dieser Preußischen Religion einen neuen Bund des Königs in Gegenwart der drei Personen schließen muß, die der Verewigten am nächsten standen, und dieses wenige Schritte von ihrem Grab geschehen muß. Eben so wenig kann ich es für ein Unglück halten, daß die elenden Racen- und Kasten-begriffe, die eine unvernünftige Politik aus dem Tierreiche in die menschliche Ordnung übertragen hat, eine kleine Niederlage erlitten haben. Daß der König sich in unzählige, fast unauflösliche Schwierigkeiten verwickelt hat, leugne ich nicht. Wenn mir aber ein gescheuter und ruhiger Mann schreibt: Sie werden mein langes Stillschweigen begreifen und entschuldigen, wenn Sie den schmerzlichen Eindruck erwägen wollen, der uns seit 14 Tagen dar­nieder drückt. Noch tief betrübt und nur mit Mühe den einen traurigen Gegenstand bei Seite schieben könnend, ergreife ich die Feder p.p., wenn eine wirkliche Landestrauer unter allen Wohlgesinnten der Monarchie ein- tritt und ein solches Ereignis Aufsehen macht wie der Krieg von 1813, dann sieht man wirklich, daß die göttliche Vorsehung direkt im Spiel ist, und daß der ganze Vorgang heilsam und nützlich ist. Auf die Konfession der jungen Vermählten lege ich weniger Wert14), weil sie im elterlichen Hause und von den Dresdner Geistlichen in der Hauptrücksicht schlecht genug erzogen sein mag. Vielleicht aber denkt der König nach, warum eine solche Heirat in Neapel, in Parma p.p. so leicht durchschlüpft15) und warum sie in Berlin so schwerfällig und tragisch auf genommen wird; und findet vielleicht den Grund darin, daß dort die erste Majestät (wie Bossuet sagte) 14) Sie war ursprünglich katholisch. Vgl. Treitschke, 3. Bd., S. 390: „Einige Zeit nach der Vermählung trat die Fürstin v. Liegnitz zur evangelischen Kirche über und erfüllte einen Herzenswunsch ihres Gemahls, der auf die Dauer in einer gemischten Ehe sein Glück nicht hätte finden können.“ 15) König Ferdinand I. von Neapel vermählte sich nach dem Tode der Königin Marie Karoline am 27. November 1814 mit der Witwe Lucia Migliaccio e Borgia in morganatischer Ehe. (Corti, Ich, eine Tochter Maria Theresias. Ein Lebensbild der Königin Marie Karoline von Neapel. München 1950, S. 711). Marie Luise, Herzogin von Parma, vermählte sich am 8. August 1821 nach Napoleons, ihres ersten Gatten Tode mit dem Grafen Neipperg. (Jean de Bourgoing, Marie Louise von Österreich, Wien 1949, S. 612).

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