Mitteilungen des Österreichischen Staatsarchivs 9. (1956)
BAXA, Jakob: Adam Müller über die Zustände in Preußen 1815–1824
142 Jakob Baxa noch in dem neuen Wittgensteinischen System beharrt, während den Stärkeren: Görres und Schleiermacher eine fast unbedingte Preßfreiheit gestattet ist.“ Als Adam Müller diese Zeilen schrieb, waren die Tage des Rheinischen Merkurs bereits gezählt. Der Staatskanzler Hardenberg selbst schlug zu. Er hat eigenhändig für König Friedrich Wilhelm III. die Kabinettsorder vom 3. Januar 1816 entworfen, mit der das Blatt von Görres verboten wurde8). Im Bericht vom 24. November 1815 taucht noch ein berühmter Name auf: Ancillon, von dem Adam Müller dem Fürsten Metternich eine mit Beziehung auf die künftige Konstituierung von Preußen gegen die Volkssouveränität gerichtete Schrift überreicht. Müller lobt seine Originalität und daß er durch einen gewissen geistigen Takt und Geschmack eine ruhige, mäßige und mittlere Ansicht der Dinge habe. Ancillon war mit Adam Müller schon befreundet, als er noch Prediger an der Französischen Kirche zu Berlin war. Seit 1810 Erzieher des preußischen Kronprinzen, seit 1814 Geheimer Legationsrat im Ministerium der auswärtigen Angelegenheiten wurde er 1832 als preußischer Staatsminister mit der Leitung dieses Ministeriums betraut. In dieser hohen Stellung erwies er sich als getreuer Freund und Gefolgsmann Metternichs. Neben den inneren politischen Verhältnissen Preußens behandelt Adam Müller in seinen Berichten an Metternich auch Fragen der auswärtigen preußischen Politik. Seit dem Tode Friedrichs des Großen haben fünf preußische Könige ununterbrochen ihre Staatsangelegenheiten im engsten Einvernehmen mit Rußland geführt. Diese Politik, an der noch Bismarck unbedingt festgehalten hat, war dem Bestände des preußischen Staates sehr heilsam. Vom Siebenjährigen Krieg bis zum Ersten Weltkrieg 1914—18 gab es keine kriegerische Auseinandersetzung zwischen Preußen und Rußland. Aber seit dem Erwachen des Liberalismus war diese russenfreundliche Politik einem großen Teil des preußischen Volkes, besonders der Intelligenz, verhaßt, weil in ganz Europa der Zar und die russische Knute als Sinnbilder des Despotismus galten. Diese Gesinnung zeigte sich gleich am Ende der Freiheitskriege. Am 10. November 1815 berichtet Adam Müller: „Mancherlei Besorgnisse hat die Öffentlichkeit und Feierlichkeit erregt, womit während der Anwesenheit Sr. Majestät des Kaisers von Rußland die beiden großen Hofkapellen zu Berlin und zu Potsdam für den griechischen Gottesdienst eingeweiht worden sind, der daselbst jedesmal in Gegenwart des ganzen Preußischen Hofes abgehalten wurde.“ König Friedrich Wilhelm III. hatte „seine liebste Tochter“, die Prinzessin Charlotte, mit Kaiser Alexanders jüngerem Bruder, dem späteren Zar Nikolaus I., verlobt, aber den Berliner Protestanten mißfiel natürlich der voreilige „Proselyteneifer Sr. Russi8) Abgedruckt in: Joseph Görres, Rheinischer Merkur. Auswahl von Arno Duch, München 1921, S. 289. Man vgl. ferner: Paul Wentzke, Die politische Bedeutung des Rheinischen Merkurs in Joseph Görres, Gesammelte Schriften, herausgegeben von Schellberg, Bd. 6—8, Köln 1928, S. 13.