Mitteilungen des Österreichischen Staatsarchivs 9. (1956)

BENNA, Anna Hedwig: Das Kaisertum Österreich und die römische Liturgie

132 Anna Hedwig Benna handelt worden wäre. Einer in den Katholischen Blättern aus Tirol73) erschienenen Rezension des Direktoriums für die Diözese Trient von 1858 fiel dieser Umstand auf; der Rezensent knüpfte daran die Frage, ob die Nennung des Namens des Kaisers im Kanon überhaupt noch berechtigt sei, da die im Breve Klemens XIII. von 1761 ausgesprochene Bedingung, näm­lich die Salbung und die Weihe74), längst nicht mehr erfüllt worden sei. Dieser Artikel in den Katholischen Blättern aus Tirol wurde der Anlaß für den Minister für Kultus und Unterricht, Graf Thun, einzuschreiten75). Allerdings kam Thun sehr bald von seinem ursprünglichen Plan, durch den Bischof von Trient in dieser Angelegenheit in Rom vorstellig zu werden, um die Änderung des Formulars von pro rege nostro zu erwirken, ab76), da er erkannte, daß diese Frage keine lokale Trienter Angelegenheit war, sondern die gesamte Monarchie betraf. Einer positiven Erledigung in Rom konnte, so hoffte man in Wien, der Umstand zugute kommen, daß die Ritenkongregation kurz vorher, am 10. September 1857, ein Dekret erlassen hatte, in welchem sie dem Kaiser der Franzosen, obwohl er nicht gekrönt war, nicht nur die gleichen liturgischen Ehrenrechte zugestand wie einst Klemens XIII. Maria Theresia, sondern noch weitere Zugeständnisse dieser Art machte77). Der Name Napoleons wurde im Kanon der Messe nach den Namen von Papst und Diözesanbischof genannt, ein eigener Versikel nach der Communio78 * *) sowie ein eigenes Gebet zur Postcommunio 7») gedachte des Kaisers. Für die Fürbitte für Napoleon III. in der missa praesanctifi- catorum des Karfreitags wurde ein eigenes Formular geschaffen8»); das für den römischen Kaiser übliche, aus der Zeit Papst Gelasius I. stammende r3) Vgl. oben, Anm. 72. 74) Vgl. oben, S. 130, Anm. 66, § 5, Anm. 68. 75) Vgl. Archiv des BM. für Unterricht, CUM 720/1858, Note des Kultus­ministeriums an das Ministerium des Äußern, 1858 Juni 9 (Admin. Reg. d. Min. d. Äußeren F 1, Fz. 135). 7») Der in 720/CUM einliegende Entwurf eines Schreibens des Ministers für Kultus und Unterricht an den Statthalter von Tirol wurde nicht mundiert und ist nicht abgegangen, es ist nur im Konzept erhalten. 77) Abschrift als Beilage zu Note des Ministeriums für Kultus und Unter­richt CUM/720, 1858 Juni 9 (Admin. Reg. F 1, Fz. 135). 78) Domine salvum fac imperatorem et exaudi nos in die, qua invocaverimus te (ebenda). 7») Quaesumus, omnipotens Deus, ut famulus tuus imperator noster N., qui tua miseratione suscepit regni gubernacula virtutum etiam omnium sus­cipiat incrementa, quibus decenter ornatus vitiorum monstra devitare, hostes superare, et ad te, qui via et vita es, gratiosus valeat pervenire (ebenda). 8») Oremus et pro gloriosissimo imperatore N., ut Deus et Dominus noster det ei sedium suarum assistricem sapientiam, qua populum sibi commissum gubernet in omni iustitia et sanctitate ad divinam gloriam et nostram perpetuam pacem. Oremus. Flectamus genua. Omnipotens sempiterne Deus, qui regnis omnibus aeterna potestate dominaris, respice ad Francorum benigne imperato­rem, ut et imperator iuste imperante, et populus fideliter obediendo ad gloriam tui nominis et regni tranquillitate unanimi pietate conspirent (ebenda).

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