Mitteilungen des Österreichischen Staatsarchivs 9. (1956)

BENNA, Anna Hedwig: Das Kaisertum Österreich und die römische Liturgie

128 Anna Hedwig Benna Die Kaiserkrönung Napoleons in Paris 1804 war umgeben von all den Sollemnitäten, die ein Jahrtausend abendländischen Kaisertums ausgebildet hatte. Zur Krönung wurden Nachbildungen der echten Reichsinsignien, die man vor dem Zugriff Napoleons in Sicherheit gebracht hatte, benützt45). In der Liturgie fand der mittelalterliche Kaiserordo Verwendung. Die Nachricht von der Reise des Papstes zur Krönung Napoleons nach Paris fand am Wiener Hof keine sehr freundliche Aufnahme46), vor allem in Anbetracht der Tatsache, daß die römischen Krönungen schon seit Jahr­hunderten abgekommen waren und die Römischen Kaiser den Elektentitel führten, in Aachen gekrönt wurden und eine Obödienzgesandtschaft an den Papst schickten. Außer der Krönung sicherte sich Napoleon auch die liturgischen Vorrechte, welche die französischen Könige besessen hatten. Schon das Konkordat von 1801 enthielt Bestimmungen über Gebete nach der Messe für das Heil der Französischen Republik und der Konsuln47). Die Kirche begleitete nicht nur den Regierungsantritt der europäischen Herrscher mit Salbung und Segnung, sie unterließ es seit den ersten christlichen Jahrhunderten nicht, der politischen Gewalten in ihren offi­ziellen Gebeten zu gedenken. Origenes und Tertullian berichten vom Gebet der Kirche für Kaiser und Reich48). Diese Gebete wurden entsprechend den Mahnungen des Apostels Paulus (1. Tim 2, 1—3) verrichtet, sie fin­den sich in den ältesten erhaltenen Sakramentaren. Verfolgung oder Frei­heit der Kirche änderten daran nichts. Der Bestand des römischen Reiches und der Bestand seiner politischen Ordnung waren nach den endzeitlichen Spekulationen mit dem Dasein der Kirche in dieser Welt eng verbunden. Die römische sowohl als auch die mailändische Liturgie kannten Fürbitten für den Römischen Kaiser, auch in einer Zeit, als es in Rom keinen Kaiser mehr gab; die mailändische Liturgie wies darin eine ungebrochene Konti­nuität bis weit in die Neuzeit hinein auf, das mailändische Missale nennt 45) Vgl. Hauke, a. a. O., S. 396, Anm. 4; S r b i k, a. a. O., S. 40. 46) Weisung an Lebzeltern, 1804 August 20 (Rom, Weisungen, Fz. 309). 47) Konkordat von 1801 zwischen der Französischen Republik und dem Heiligen Stuhl, Art. 8: Le formule de priére suivante sera recité ä la fin de Voffice divine dans toutes les églises catholiques de France: domine salvam fac rem publicam, domine, salvos fac consules. Art. 16. Sa Sainteté reconnait dans le premiere consul de la république francaise, les mérnes droits et preroga­tives dönt jouissait prés d’elle Vancien régime (C. Mirbt, Quellen zur Ge­schichte des Papsttums und des Römischen Katholizismus, 1911, S. 326, 327, n. 466). Vgl. L. Biehl, Das liturgische Gebet für Kaiser und Reich (1937), S. 67. 48) A. J. B i n t e r i m, Über das Gebet für die Könige und Fürsten in der katholischen Liturgie 4/2 (1827), S. 21 f.; G. Tellenbach, Römischer und christlicher Reichsgedanke in der Liturgie des frühen Mittelalters, SB. Heidel­berg 1934/35, S. 5, 6; Biehl, a. a. O., S. 31, 41, 42, 56; A. J. Jungmann, Missarum sollemnia 2 (1948), S. 185 f.; A. Baumstark, Missale Romanum (1929), S. 21 f.

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