Mitteilungen des Österreichischen Staatsarchivs 9. (1956)
BENNA, Anna Hedwig: Das Kaisertum Österreich und die römische Liturgie
124 Anna Hedwig Benna Die Annahme des Kaisertitels durch Napoleon geschah wohl auch aus der rein praktischen Erwägung heraus, daß damit außenpolitische Schwierigkeiten, die in dem Falle der Annahme des Königstitels unweigerlich aufgetreten wären, verhindert werden konnten; eine völkerrechtliche Anerkennung Napoleons als König von Frankreich wäre wohl, solange es noch bourbonische Thronprätendenten in Europa gab, sehr schwer zu erreichen gewesen. Die Haltung des Wiener Hofes zur Annahme der erblichen Souveränität und des Kaisertitels durch den Ersten Konsul war zunächst eine durchaus abwartende. Die Annahme der erblichen Souveränität wurde durchaus positiv gewertet, die Errichtung einer monarchischen Gewalt in Frankreich durch Napoleon begrüßt, obwohl man eine Restauration des bourbonischen Königtums lieber als das Kaisertum eines Usurpators gesehen hätte31). Die Versicherungen Talleyrands gegenüber den in Paris akkreditierten Diplomaten, der Kaisertitel Napoleons ändere nichts an den politischen Beziehungen Frankreichs zu den anderen Mächten, er lasse das Zeremoniell und die Etikette zwischen dem französischen und den fremden Höfen unberührt32), wurden wohl beifällig auf genommen, doch war die Auffassung Wiens von der Talleyrands, der den Titel Kaiser, König, Präsident zur Bezeichnung des Staatsoberhauptes nur für eine Sache der Konvention und nicht für Rangbezeichnungen einer Staatenhierarchie hielt, verschieden. Der kaiserliche Botschafter Cobenzl vertrat die Ansicht, die Staatsoberhäupter hätten nicht den gleichen Rang untereinander, man müsse Herrscher erster und zweiter Ordnung unterscheiden33). Trotz oder gerade wegen Talleyrand ließ Napoleon die Ehrenvorrechte des Römischen Kaisers unangetastet, offenbar hoffte er dadurch die Anerkennung seiner neuen Würde zu erlangen. Die Aussichten des Hauses Österreich, bei der nächsten Kaiserwahl die Krone zu erhalten, waren, seitdem sich im Kurkolleg eine protestantische Mehrheit befand, nicht sehr günstig, es war nicht ausgeschlossen, daß der Nachfolger Franz II. aus einem anderen als dem Haus Habsburg-Lothringen hervorgehen werde. In Wien machte man sich keine Hoffnungen bezüglich des Ausganges der nächsten Kaiserwahl. Die französische Außenpolitik hatte alles getan, um die österreichfeindliche Partei im Kurkolleg zu stärken und die Wahl eines Habsburgers bei der nächsten Kaiserwahl zu verhindern. Der Annahme eines vom Reich unabhängigen Kaisertitels durch Kaiser Franz wollte Napoleon aber nicht im Wege stehen34). Mit diesen Versicherungen Talleyrands war dem Wiener Hof der Weg zum Kaisertum 31) Vortrag Cobenzls und Colloredos, 1804 Mai 20 (St. K. Vorträge, Fz. 249). 32) Ebenda und Bericht Cobenzls, 1804 Juni 10 (Frankreich, Berichte, Fz. 276). 33) Vortrag Cobenzls und Colloredos, 1804 Mai 20 (St. K. Vorträge, Fz. 249). 34) Bericht Cobenzl, 1804 Juni 10 (Frankreich, Berichte, Fz. 276).