Mitteilungen des Österreichischen Staatsarchivs 8. (1955)

ENGEL-JANOSI, Friedrich: Liberaler Katholizismus und die Minorität im Vatikanischen Konzil

Liberaler Katholizismus und die Minorität im Vatikanischen Konzil 225 Beweis dafür, daß der göttliche Beistand der Kirche niemals mangelt. Von hier aus wird dann die These gewonnen, die Acton und Doellinger gemein­sam ist: „ .. . Die Geschichte ist der Theologie als Verteidigung der Reli­gion überlegen ..7). Aber diese Gedanken sind nicht völlig neu und es ist wohl kein Zufall, daß Lord Acton in seinen Notizen sich wiederholt mit Chateaubriand be­schäftigt, der ebenfalls die Idee des Fortschritts auf die Geschichte der Kirche angewandt hatte8 *). Abgesehen von kritisch-historischer Methode fügt der britische Historiker den Ausführungen des Vaters der franzö­sischen Romantik den moralischen Akzent hinzu, den man bei dem Ver­fasser des génié du Christianisme nicht findet. Sie beide aber erblicken in der jüngsten Geschichte eine Zeit der großen Purifikation. Für Chateau­briand war dies die Geschichte seiner eigenen Zeit: die Ereignisse, die alle Welt als den Sturz der Kirche anzusehen gewillt war, führten zu ihrer Wiedergeburt; in den Prüfungen Pius VII. erfolgte die Wiederkehr zum apostolischen Zeitalter, wurde das Zeichen des Kreuzes wieder allen sicht­bar“). In den Worten Actons: „nicht mehr Unterdrücker, sie selbst unter­drückt“ 10 11). Und so spricht er von diesem Papst: „nicht das stärkste noch das fähigste Oberhaupt der Kirche gegenübergestellt dem stärksten und fähigsten aller Monarchen... (aber) auf der einen Seite Gaben spiritueller Natur, Demut, Nächstenliebe, Selbstaufopferung, auf der anderen Gewalt­tätigkeit, Ehrgeiz und alle Künste der Macht.“ Man kann die Bedeutung, die dieser historische Augenblick für das Geschichtsbild Lord Actons ge­habt hat, kaum überschätzen. In Actons Notizen heißt es weiter: „niemals gab es... eine solche Möglichkeit zur Besserung; die Kirche hatte die Gelegenheit, wieder neu anzufangen“ n). Je größer die Erniedrigung war, desto besser. Für ihn galt der Satz, der sich ähnlich, nur noch unbedingter, bei Jokob Burckhardt wiederholt findet: „Macht verdirbt und absolute Macht verdirbt absolut.“ Welch besondere Gabe der Vorsehung war es also für die Kirche, sich ihrer weltlichen Macht beraubt zu sehen. „Niemals hatte es eine solche Möglich­keit zur Besserung gegeben; die Kirche hatte die Gelegenheit, wieder neu anzufangen.“ Es ist ein Teil des Geschichtsbildes dieses Historikers, daß die ideellen Kräfte über die materiellen Bedingtheiten triumphieren. Er nimmt das Thema wieder auf: in diesem Augenblick machte sich allgemein spürbar „das Gefühl eines Wiederbeginnes“. Nicht um das Werk eines ein­zelnen Menschen handelte es sich dabei: es war vielmehr „das Zusammen­7) „History is superior to theology as a defense of religion .. .“ Add. 4912. 8) Vgl. meine Four Studies in French Romantic Historical Writing (Balti­more, 1955) S. 49 f., 54. “) Génié du Christianisme, IVe, VI, 7. 10) „No more oppression — themselves oppressed.“ Add. 4912. 11) Never had there been — so great an opportunity for improvement; it enabled the Church to start anew.“ Add. 4912. Mitteilungen, Band 8 15

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