Mitteilungen des Österreichischen Staatsarchivs 7. (1954) – Festgabe zur Hundertjahrfeier des Instituts für Österreichische Geschichtsforschung

REGELE, Oskar: Die Schuld des Grafen Reinhard Wilhelm von Neipperg am Belgrader Frieden 1739 und an der Niederlage bei Mollwitz 1741

Die Schuld des Grafen Neipperg am Belgrader Frieden 397 wegs schimpflich, das Heer blieb kampffähig, die Loslösung vom Feinde erfolgte ungestört, die Preußen konnten nicht verfolgen. Die beiderseitigen Verluste hielten sich fast vollkommen die Waage. Zwei bemerkenswerte Urteile über Mollwitz sollen nicht übersehen wer­den. Wie Friedrich II. über die Schlacht dachte, geht aus seiner Kritik hervor, welche lautet 7T): „War der österreichische General überlegen durch seinen Operationsplan, so waren es die Preussen durch ihre Gefechts­übung“, d. h., Neippergs größere Feldherrnbegabung wurde aufgehoben durch die seinen Truppen anhaftenden Rüstungsmängel. Noch auffallender ist das Urteil Hans Delbrücks77 78), dem so manche scharfsinnige Kor­rekturen der Kriegsgeschichte zu verdanken sind und der in Auseinander­setzung mit dem preußischen Generalstabswerk feststellte, Neippergs Operationen bei Mollwitz seien von „unerhörter Kühnheit“ gewesen und er habe „mit seiner Mindermacht wahrhaft alles Menschenmögliche ge­leistet“. Ferner sagt Delbrück: „Trotz seiner Niederlage habe Neipperg Oberschlesien von den Preußen befreit und behauptet sich ... den ganzen Sommer in Schlesien, und Friedrich, obgleich seine Übermacht auf nicht weniger als 60.000 gegen 25.000 stieg, wagte nicht, ihn noch einmal anzu­greifen . ..“ Haben wir früher die Bedeutung der Schlacht für Preußen und für Europa hervorgehoben, so erscheint es wohl auch geboten, sie vom Stand­punkte Österreichs aus abzuwägen. Gemessen an dem Werkzeug, das Neip­perg in die Hand gegeben worden war, hätte es nicht verwundern dürfen, wäre den Preußen eine Vernichtung der österreichischen Armee gelungen. Von einer solchen aber war der Schlachterfolg weit entfernt. Österreich konnte nicht, wie es Friedrich II. erträumte, überrannt werden, ja es konnte nicht einmal eine Entscheidungsschlacht gewonnen werden, die Österreich zum Frieden gezwungen hätte. Österreich hat im Gegenteil den Stoß auf gefangen und pariert, Preußen mußte 22 weitere Jahre Krieg führen, um seine schlesische Beute endgültig zu retten, und 1763 konnte man sagen, es stehe alles 1 : 1. Die habsburgische Monarchie stand fester denn je, sie erreichte ihren machtpolitischen Gipfel erst 1815 und erst ein ganzes Jahrhundert später ging sie unter. Auf zwei merkwürdige Verkettungen in den sich folgenden Ereignissen sei noch hingewiesen. Die Armee, die bei Mollwitz den ersten Wall gegen die preußische Expansion aufrichtete, bestand zu gutem Teil aus jenen Regimentern, die nach dem von Neipperg geschlossenen Frieden von Belgrad von der türkischen Front hatten abgezogen werden können. So waren mit dem 19. 10. 1740 die Regimenter O’Gilvy, Max Hessen, Carl Lothringen, Kolowrat und G r ü n n e nach Böhmen, wo die Artil­77) „Histoire de mon temps“, I. Bd„ S. 76. 78) „Geschichte der Kriegskunst im Rahmen der politischen Geschichte“, Vierter Teil: Neuzeit, Berlin 1920, S. 373 f.

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