Mitteilungen des Österreichischen Staatsarchivs 6. (1953)

POSCHACHER-ARELSHÖH, Wilhelm: Der grüne Federhut. Zur Entstehung der beiden Wandgemälde im Haus-, Hof- und Staatsarchiv

Der grüne Federhut 551 Bittner, Dr. Ludwig, Archivkonzipist (an der Säule, war nicht anwesend); Kratochvil, Vaclac, Archivkonzipist; Stokka, Tankred, Archivkonzipist. Die bereits im Titel meines Aufsatzes genannte Kopfbedeckung des Kaisers hat Anlaß zu der mit der Entstehung dieses Gemäldes im engsten Zusammen­hänge stehenden Episode gegeben, die mir in launiger Weise der Schöp­fer dieses Bildes selbst erzählte und die ich nun versuchen will, entsprechend wiederzugeben. Einige Tage vor dem angesagten Besuch des Kaisers erfuhr Peyfuß zu seiner großen Bestürzung, daß dieser beabsichtigte, nur „in Kappe“ zu kommen. Dies bedeutete nach dem damaligen Hofzeremoniell, daß die ihn empfangenden Herren nur im schwarzen Frack mit weißer Binde und nicht in Uniform zu er­scheinen hatten. Unter diesen Umständen befürchtete der Künstler, nur ein monotones Comitébild schaffen zu können anstatt eines durch die verschieden­artigen Uniformen und Trachten abwechslungsreichen und farbenprächtigen Gemäldes. In seiner Verzweiflung kam er auf den rettenden Gedanken, den in solchen Fällen als hilfreich bekannten Leibkammerdiener des Kaisers, Ketterl, sofort auf­zusuchen, um ihn zu bitten, auf seinen Herrn einzuwirken, daß er doch zu diesem Besuche den Generalshut wähle. Ketterl versprach, sein Möglichstes zu tun und es gelang ihm dies umso leichter — wie er nachträglich dem Bittsteller bei seinem Dankbesuch berichtete — da der Kaiser vorher gar nicht gewußt hatte, daß man beabsichtigte, seinen Besuch in einem farbigen Wandgemälde zu verewigen. Der Empfang des den Federhut tragenden Monarchen brachte nun den ge­wünschten Erfolg, daß die Funktionäre des Ministeriums des k. u. k. Hauses und des Äußeren und des Haus-, Hof- und Staatsarchivs nach den Uniformierungs­vorschriften für Beamte dieses Ministeriums und seiner Dependenzen, zu denen ja das Staatsarchiv gehörte, und zwar die Reserve- und n. a. Offiziere in ihrer Militäruniform, die anderen Beamten österreichischer Staatsangehörigkeit im Diplomatenfrack und die Ungarn eventuell auch über eigenen Wunsch im natio­nalen Festkleid zu erscheinen hatten. Für zwei Herren hatte es jedoch seinen Nachteil. Zwar war es den beiden Künstlern Peyfuß und Kassin, der die Marmor­büste Kaiser Franz Josephs für das Vestibül des Archivs geschaffen hat, so wie dem Bauleiter Baurat Wagner (der zweite mit der Leitung des Neubaues betraute Oberingenieur des Ministeriums des Innern Holzeland war in österreichischer Beamtenuniform erschienen) als Zivilpersonen gestattet worden, im schwarzen Frack mit weißer Binde dem Festakt beizuwohnen, nicht aber dem Haus-, Hof- und Staatsarchivar I. Kl. (später Sektionsrat) Dr. Arthur Goldmann und dem damaligen Archivkonzipisten (später Archivdirektor) Dr. Lud­wig Bittner, die keine Uniform besaßen und daher von der Feier ausgeschlossen werden mußten. Aus kollegialen Gründen wurden sie später dennoch im Frack auf dem Gemälde festgehalten. Ebenso der Sektionsrat und päpstliche Hausprälat Doktor Sehrauf, der zur Zeit des Kaiserbesuches wegen einer schweren Erkrankung bett­lägerig war, der er auch ein halbes Jahr später erlag. Hier dürfte auch der Wunsch des Malers mitgespielt haben, der den so farbenprächtigen Ornat des Prälaten wegen seiner Gesamtwirkung auf dem Bild nicht missen wollte. Und noch eine andere, zwar sehr geringfügige Abweichung von der histori­schen Wahrheit mußte unser Maler konzedieren. Wie mir Peyfuß damals in seinem Atelier noch erzählte, war ihm zwecks Skizzierung der einzelnen Personen für das Gemälde ein geeigneter Raum im Ministerium des Äußern zur Verfügung gestellt worden. Bei diesem Anlaß baten ihn einige der zur Skizzierung erschie­nenen Herren, die anläßlich des Kaiserbesuches, aber natürlich erst nach diesem, mit Orden ausgezeichnet worden waren, diese Dekorationen doch auch — wie er mir lächelnd erzählte —- auf das Bildnis zu bringen, ein Wunsch, den er natür­lich erfüllte. Diese kleine Geschichte über die Entstehung des für die Nachwelt bestimm­ten Gemäldes zeigt wieder deutlich, wie es zumeist nicht gelingt, ein vollkommen wahrheitsgetreues Abbild der darzustellenden Begebenheiten zu schaffen, wenn sich auch der ausführende Künstler noch so sehr darum bemüht.

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