Mitteilungen des Österreichischen Staatsarchivs 6. (1953)

GASSER, Peter: Das spanische Königtum Karls VI. in Wien

Das spanische Königtum Karls VI. in Wien. Von Peter Gasser (Wien). Der unerwartete Tod Kaiser Josefs I. am 17. April 1711 brachte eine Änderung in der politischen Mächtegruppierung von weittragendster Be­deutung. Die durch Marlboroughs Sturz schon merklich gelockerte habs- burgisch-englische Allianz löste sich nun vollends auf. Diese Entwicklung war klar. Sie bedeutete nichts anderes, als das Festhalten Englands an einer Politik des Gleichgewichts am europäischen Kontinent. Ein Erstar­ken Habsburgs, eine Erneuerung der Universalmonarchie Karls V., war dem Inselreich gleich unerträglich wie der Gedanke einer Ausbreitung von Ludwigs XIV. Einfluß über Spanien einschließlich seiner europäischen Nebenländer und überseeischen Besitzungen. Der Geschichtsablauf ist be­kannt. Nicht in der Lage, den Kampf um das spanische Erbe allein fort­zusetzen, mußte Kaiser Karl VI., als König von Spanien Karl III., Spanien und die Kolonien dem Bourbonen Philipp de facto preisgeben und sich mit den europäischen Nebenländern der Krone Spaniens, den Niederlanden, Neapel und Sardinien abfinden. Mailand, das Reichslehen war und von den spanischen Habsburgern nur verwaltet wurde, fiel ihm wieder zu. Das spanische Sizilien erhielt vorerst das mit dem Kaiser verbündete Savoyen. Es war kein karger Gewinn, den Karl VI. schließlich für sich buchen konnte. Er durfte hoffen, diese vom Reiche und den Erbländern nicht zu weit entfernt gelegenen Gebiete straffer beherrschen zu können. Vor allem ließ das Herzogtum Mailand — die Lombardei — wenn auch durch nahezu 200jäh- rige spanische Verwaltung und als Glacis in den häufigen kriegerischen Auseinandersetzungen zwischen Habsburg und Valois-Bourbon erschöpft, bei richtiger Verwaltung ein Wiederaufleben der immanenten wirtschaft­lichen Kräfte zum Wohle der Gesamtmonarchie erwarten, wirtschaftlicher Kräfte, die, gepaart mit einer einzigartigen strategischen Lage, aus der Lombardei den wesentlichen Faktor im Kräftespiel der Italienpolitik des mittelalterlichen Kaisertums gebildet hatten. In ihrem Besitze vermochten die Visconti und Sforza sich zu den mächtigsten Signoren der Halbinsel zu erheben. Waren sie formell zwar Lehensträger des Reiches, so vermochte diese Tatsache in Anbetracht der ohnmächtigen Reichsgewalt die Selbstän­digkeit ihrer politischen Schritte nicht zu hemmen. Als der Sforza Lodo- vico il Moro die Macht des aufstrebenden nationalen Königtums Frank­reich für seine, weltpolitisch betrachtet, beschränkten Ziele einspannen zu

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