Mitteilungen des Österreichischen Staatsarchivs 5. (1952)

REGELE, Oskar: Das ungarische Kriegsarchiv

436 Literaturberichte lose Gesellschaft des Kommunistischen Manifests im gewissen Sinn ver­wirklicht; unrichtig ist auch auf S. 438 f., daß nur im Deutschen Reich eine marxistische Arbeiterpartei von größerer Bedeutung entstand. Auf S. 415 scheint mir M. das soziale Ressentiment im alten Europa doch zu über­schätzen: man verfolge dagegen etwa in Österreich nur die Laufbahn von Kübeck, Prokesch oder Hübner und analoge Beispiele in anderen Staaten. Bedauerlich ist, daß dem Werk — wie den anderen Bänden derselben Reihe — jeder Hinweis auf die Literatur fehlt. Der Stoff, obwohl gedrängt, ist übersichtlich und geschickt geordnet. Zu bemängeln wäre allenfalls, daß S. 498 ff. der russisch-japanische Krieg von 1904/05 unter der russi­schen Innenpolitik behandelt wird. In dem sonst zuverlässigen und brauch­baren Register wäre auf S. 617 unter Wilhelm I. richtigzustellen, daß es sich auf S. 105 bei den Pariser Verhandlungen von 1808 nicht um den späteren Kaiser Wilhelm handelt, der damals erst elf Jahre alt war, son­dern —- wie es im Text richtig heißt — um den Bruder Friedrich Wil­helms III. Die Abschnitte über die deutsche Geschichte, denen Mommsen den größ­ten Raum gewährt, sind ihm auch am besten gelungen. Er ist offensichtlich mit Erfolg bemüht, viele, bis zu Ende des letzten Krieges im Schwang gewesene Vorurteile zu überwinden, doch sind seine Sympathien für Preu­ßen unverkennbar. Dies merkt der Leser nicht nur an der wiederholt be­kundeten Verehrung für Friedrich II., sondern auch in der Einstellung des Verf. gegenüber dem alten Reich. Das schmähliche Verhalten Preußens beim Reichsdeputationshauptschluß kommt M. kaum zum Bewußtsein. Im Gegensatz zu K., der (S. 165) die deutschen Mittel- und Kleinfürsten in zu rosigem Lichte sieht, hat M. auch wenig Verständnis für das „Dritte Deutschland“; hier dürfte jede Verallgemeinerung verfehlt sein. Als wei­tere Beispiele der geschilderten Haltung Mommsens führe ich noch an: die sehr milde Beurteilung des Friedens von Basel (S. 81), die Ausführungen über die Stellung Österreichs und Preußens im nationalen Bewußtsein des alten Reiches (S. 127 f.) und über das österreichische Staatsbewußtsein '(S. 234). Auch vermisse ich eine gerechte Würdigung der Stadionschen Reformen. Eher zustimmen wird man den auch stilistisch hervorragenden Ab­schnitten über das Jahr 1848 und die Bismarckzeit. Im Gegensatz zu seinen früheren Ansichten beurteilt der Verf. heute die Wendung zur „Real­politik“ in der Zeit der Reichsgründung nicht mehr positiv, sondern be­zeichnet (S. 410 ff.) die Beschränkung auf die nationalen und das Fallen­lassen der freiheitlichen Ziele durch das deutsche Bürgertum als verhängnis­voll. Es verdient auch hervorgehoben zu werden, daß M. schon für die Zeit vor dem ersten Weltkrieg mit vielen nationalsozialistischen Geschichtslügen aufräumt; seine Unterscheidung in der Kriegsschuldfrage von 1914 und 1939 (S. 566 f.) wird man gern gelten lassen. Zum Unterschied von K. behandelt M. die letzten Jahrzehnte, über die er ein eigenes Werk vorbereitet, sehr kurz; dabei ist ihm der knappe Über­blick über den zweiten Weltkrieg besonders gut gelungen. Wie K. (S. 816) überschätzt auch M. (S. 603) den Weitblick Churchills, dessen Plan einer Landung der Westmächte auf dem Balkan das russische Vordringen nach

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