Mitteilungen des Österreichischen Staatsarchivs 5. (1952)

REGELE, Oskar: Das ungarische Kriegsarchiv

426 Literaturberichte Annexion von Mittelitalien ungestört zu verfolgen. Und da das Kabinett Rattazzi nicht den Mut dazu hatte, wurde Graf Cavour, der zu seinem Wahlspruch das audaces fortuna adjuvat gewählt hat, durch England wieder an die Spitze der Geschäfte gestellt“ 4). Wenn Cavour in seinem Rededuell mit Garibaldi darauf hinwies, daß die Abtretung von Nizza und Savoyen die unumgängliche Bedingung für die Verfolgung der Politik sei, die über Mailand nach Florenz und Bologna führe, so lag darin auch der Kern der französischen Haltung, wenn es nicht anders ging, den Raub Sardiniens vergrößern zu lassen, um den eigenen in Sicherheit zu bringen. Cavour wollte den Raub über die Romagna hinaus auf Umbrien und die Marken ausdehnen, Napoleon hoffte noch immer auf die Erhaltung Toskanas als Staat und wollte Viktor Emanuel mit der Verwaltung der Romagna, die dem Papst tributpflichtig bleiben sollte, abfinden. Am 26. März 1860 schleuderte ein Breve den Bann gegen die Urheber der Annexionen und ihre Helfer. Am 12. April lüftete Cavour, um sich gegen den Angriff Garibaldis zu decken, den Schleier von Plom- biéres über das Tauschgeschäft von Nizza und Savoyen gegen die Romagna. Am 2. April proklamierte Viktor Emanuel die Annexion der Legationen. Dem Papst war nicht damit gedient, daß der Zar seinem Gesandten in Turin verbot, an den Feierlichkeiten der Annexion teilzunehmen, eine Geste, die bloß das Mißbehagen an dem Wachsen des englischen Einflusses verriet. Am 11. Mai 1860 landete Garibaldi in Marsala und eröffnete den Marsch der Tausend. Die römische Frage wurde brennend, als die Rothemden, um neue Scharen vermehrt, den Marsch auf Rom antraten. Franz Joseph schickte dem Papst eine Batterie als Zeichen seiner Sympathie und seiner Schwäche und riet ihm, nicht den Mut zu verlieren. Rechberg wies darauf hin, daß er nichts unternehmen könne, ohne die Gegnerschaft Englands und Frankreichs auf sich zu ziehen. Auf dem Fürstentag in Baden vom 15. bis 17. Juli, an dem auch Napoleon teilnahm, wurde von einer Hilfe an den König von Neapel und den Papst gesprochen, aber der Kaiser meinte, man könne gegen das erwachte Nationalgefühl nichts unternehmen. Die Haltung Napoleons ermutigte Garibaldi, denn der Kaiser ließ seine Truppen nur zur persönlichen Sicherheit des Papstes in Rom. Immer sein Ziel, den italienischen Staatenbund, vor Augen, hoffte Napoleon Viktor Emanuel zur Rückgabe der Legationen an den Papst zu bewegen und bot ihm als Ent­schädigung Sizilien an. In der Monarchenzusammenkunft von Teplitz einigten sich Franz Joseph und Prinzregent Wilhelm, keine Machtvergrößerung Napoleons zum Scha­den deutscher Fürsten zuzulassen. Ein förmliches Schutzbündnis kam nicht zustande. Über die preußischen Absichten äußerte sich der Wiener Nuntius: La Prussia parve voler giovarsi di questa opportunity per estorcer dal- l’Austria condizioni e i vantaggi da lungo tempo agognati. Appose condi- zioni tali che fossero profittevoli a lei solo e onerosissime alia sua alleata. (De Luca ad Antonelli, Vienna 27. V. 1861.) 4) Hubert B a s t g e n, Die Römische Frage. Dokumente und Stimmen. 3 Bde. Freiburg i. B. 1917—19. I, 381.

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