Mitteilungen des Österreichischen Staatsarchivs 5. (1952)

REGELE, Oskar: Das ungarische Kriegsarchiv

Rezensionen 413 auch den europäischen Süden und Osten auszuüben, daß der ständige Streit nur zum Vorteil anderer, im Wesen beiden, Österreich und Frankreich feindlicher Staaten geführt werde, deren Macht dadurch ständig verstärkt werde. Beiderseits dachte man hier vornehmlich an England. Der gemein­same katholische Glaube und der in Wien wie in Versailles doch noch herrschende Widerwille gegen „häretische“ Regierungen und Völker aller Art, sowie das Gefühl, daß Habsburger und Bourbonen die einzigen alten und vornehmen Patrizier unter den europäischen Dynastien, daß alle an­deren mehr oder minder Parvenues seien, spielten gewiß herein. Dazu kam in Wien die Erkenntnis der Tatsache, daß England ein sehr eigenwilliger und unzuverlässiger Bundesgenosse gewesen war, der nach langen Kriegen öfters den Kaiser in Präliminar- und Sonderfriedensverträgen fallen ge­lassen oder die Bundespflicht nicht erfüllt oder vom Wiener Bundes­genossen ständig Opfer zugunsten des gefährlichsten Feindes (Preußen) verlangt hatte3). So gelangt Br. zu der vom ihm reichlich bewiesenen Feststellung, daß das berühmte „renversement des alliances“ von 1756/57 nicht das Werk eines plötzlichen Einfalles etwa von Kaunitz oder der Pompadour oder des Abbé Bernis war, sondern daß es auf manchen Grund­lagen aufbauen konnte und eine lange Vorgeschichte hatte. Es ist überhaupt schon von einigen Historikern hervorgehoben worden, daß man nicht glauben darf, daß das österreichisch-französische Bündnis von 1756/57 das Ergebnis rein persönlicher Motive oder einer Hofintrigue in Versailles war, sondern daß dafür triftige sachliche Gründe Vorlagen. Der konservative französische Historiker Jacques Bainville ist in seinen Werken bekanntlich ein besonderer Anwalt des Kaunitz’schen Bündnisses, dessen zeitweilige Preisgabe er den Männern der französischen Revolution, Napoleon I. und Napoleon III., zum schweren Vorwurf macht. Das Werk Br.’s ist dadurch ein Lehrbuch für jeden Historiker, daß es die unglaubliche Stärke einer bestimmten Tradition im Regierungssitz einer Großmacht, in diesem Falle der französischen Erbfeindschaft gegen Öster­reich, die Kraft des historischen „Trägheitsgesetzes“ zeigt. Es war ein mühsamer und steiniger Weg, den in Paris und Wien alle Anwälte der „Union“ zwischen Frankreich und Österreich beschreiten mußten. Zu sehr wirkte diese Tradition immer wieder nach. Zu sehr suchten die alten Bundesgenossen, wie England gegenüber Österreich oder das bourbonische Spanien gegenüber Frankreich, die neue Entwicklung zu verhindern. Oft schien die Idee der „Union“ vollkommen gescheitert, schien alle bisherige Mühe umsonst gewesen zu sein. Br.’s Buch führt uns durch die gesamte europäische Großmachtpolitik in der 2. Hälfte des 17. und besonders in der 1. Hälfte des 18. Jahrhunderts. Der Verfasser bezieht nämlich ständig alle traditionellen Bundesgenossen und Gefolgsstaaten sowohl Österreichs wie Frankreichs ein, die zusammen fast ganz Europa ausmachten. Dies ist einer der Vorzüge des Buches. Man staunt über die große Zahl der Staatsmänner und Diplomaten, die am Aufbau der erwünschten und so lange nicht erreichten „Union“ mit­arbeiteten. Ich nenne unter den bedeutenden historischen Persönlich­3) Sowohl in Nymwegen 1678 als auch in Ryswik 1697 als auch in Utrecht 1713 als auch während des Polnischen Erbfolgekrieges 1733—1735.

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