Mitteilungen des Österreichischen Staatsarchivs 5. (1952)

HAUPTMANN, Ferdinand: Österreich-Ungarns Werben um Serbien 1878–1881

Österreich-Ungarns Werben um Serbien 1878—1881 233 Englischer, französischer und russischer Einfluß waren ebenfalls spürbar bei der Regelung der österreichisch-serbischen Verkehrs- und Handelsbeziehun­gen. Die Schwierigkeiten auf handelspolitischem Gebiete schrieb Haymerle offen den Russen zu (GP III, Nr. 520); daneben aber war er auch schlecht auf England zu sprechen, das mit der ersten Macht gemeinsam den serbischen Vertrag mit der Union générale (hauptsächlich österreichisches Kapital) zu hintertreiben suchte (DDF III, Nr. 394). Auch Frankreich bemühte sich zusammen mit Eng­land in Wien, eine zu enge Verbindung auf wirtschaftlichem Gebiete zwischen Österreich und Serbien zu verhindern (DDF III, Nr. 325, 354), ebenso eher den Bau der Eisenbahnlinie nach Konstantinopel durchführen zu lassen, als den nach Saloniki. „Au point de vue ottoman, eile (die Linie nach Soloniki) aurait pour effet immédiat, si eile était obtenue, comme le veut l’Autriche, ä l’exclusion de la ligne de Nich ä Sofia et Philippopoli, la ruine commerciale de Constantinople et eile favoriserait grandement les progres de la germanisation dans la vallée du Vardar. Au point de vue frangais, eile ferait de Salonique le principal entrepot du commerce entre le centre de l’Europe, l’Egypte et l’Extreme Orient au detriment de nos ports de la Mediterranée“ (DDF III, Nr. 343). Die serbischen Handelsdelegierten in Wien warteten im Jänner 1881 den Erfolg der englisch­französischen Schritte ab, obwohl der Text des österreichisch-serbischen Han­delsvertrages schon fertiggestellt war (DDF III, Nr. 354) und als Österreich in gewissen Punkten nachträglich nachgab, schrieb man das serbischerseits der Intervention der Westmächte zu (DDF III, Nr. 440). 6. Der Geheimvertrag1). Ende Mai 1881 kündigte Fürst Milan den Wunsch an, mit Österreich nun auch einen politischen Vertrag zu schließen, wobei er schon auf die vorhergegangenen Unterredungen seines Außenministers mit Haymerle und Kállay hinweisen konnte2). Mijatovic war nämlich im Mai nach Wien ge­reist, um sich Aufklärungen über die österreichischen Zukunftspläne und die Eisenbahnanschlüsse zu holen. Bei dieser Gelegenheit sollte er den ser­bischen Wunsch nach freundschaftlichen Beziehungen erneut zum Ausdruck bringen3). Im Laufe des Gespräches entwarfen die österreichischen Staats­männer die Grundzüge ihrer Balkanpolitik und bezeichneten einen Ver­tragsabschluß mit Serbien als den wünschenswerten Weg, um sich vor dem Vordringen der Russen im Orient zu sichern. Der zweite Weg bestünde in Präventivmaßnahmen gegen Serbien, die bis zur Besetzung Belgrads gehen könnten. Die Punkte einer politischen Abmachung wurden anschließend bespro­chen, und die führenden Männer Serbiens, der Fürst, Pirocanac, Garasanin und Mijatovic, einigten sich in der Bereitschaft auf Verhandlungen mit Österreich einzugehen. Die bevorstehende Fahrt Milans nach Petersburg bot die Gelegenheit, die prinzipielle Bereitschaft zu Abmachungen in Wien auszudrücken 4). Bei diesem Stand der überlieferten Nachrichten, die in den Aufzeich­nungen von Pirocanac und Mijatovic vorliegen, ist es schwer zu beurteilen, wer eigentlich die Verhandlungen anregte. Die Unterredungen des Fürsten

Next

/
Thumbnails
Contents