Mitteilungen des Österreichischen Staatsarchivs 5. (1952)

HAUPTMANN, Ferdinand: Österreich-Ungarns Werben um Serbien 1878–1881

Österreich-Ungarns Werben um Serbien 1878—1881 213 Die Parallele in der Haltung dieser Regierung mit der der Regentschaft Ristic - Blaznavac 1862/70 ist vielleicht insofeme nicht unangebracht, als jetzt wie damals die Regierung nach schicksalsschweren Ereignissen die größte Aufmerksamkeit dem inneren Ausbau des Staates widmete. Beide Male entsprach diese innere Beschäftigung den österreichischen Interessen, da dadurch die Aussicht ,auf eine aktive südslavische Politik des Landes schwand. Andererseits fand sie die russische Mißbilligung eben deshalb 12S), besonders jetzt, da Serbien allerdings neben inneren Reformen eine aus­gesprochen österreichfreundliche Politik trieb. Die Regierung ließ sich jedoch auf ihrem Wege so wenig stören, daß sie vorderhand auf die rumänische Königsproklamation vom 26. III. die­jenige Serbiens nicht sogleich folgen lassen wollte, da sie — wie Mijatovic behauptete — früher noch viel wichtigere Fragen lösen müßte, ehe sie an eine Änderung der Staatsform denken könnte126). Es war dies ein umso auffallenderes Zeichen für den Umschwung in der serbischen Politik, als sie sich bei einer Angelegenheit beständig zeigte, die die serbische nationale Ehre nahe berührte. Noch bemerkenswerter ist aber die Haltung der Re­gierung, wenn man in Betracht zieht, daß Österreich damals sogar einer Königsproklamation nicht abgeneigt schien. Für einen späteren Zeitpunkt behielt die serbische Regierung die Königsproklamation im Auge, aber auch dann nur im Einvernehmen mit Österreich, eventuell auch mit Deutschland, während man auf die russische Zustimmung keinen besonderen Wert legte 127). Auch auf anderen Gebieten, so in der Eisenbahnangelegenheit, zeigte die serbische Regierung, daß sie gewillt war, die übernommenen Verpflich­tungen pünktlich auszuführen: im Jahre 1881 schloß sie zu diesem Zwecke mit einem ausländischen Unternehmen (Union générale) einen Vertrag zur Finanzierung und zum Bau der Bahnen 128). Über diese Besserung des gegenseitigen Verhältnisses war man sowohl in Wien129), als auch in Belgrad130) äußerst erfreut. Der Ton, der nun zwischen beiden Regierungen angeschlagen wurde, unterschied sich deutlich von dem zu Ristic’ Zeiten, vor allem dank der regen Betätigung des Fürsten in der Außenpolitik. Es erweckt manchmal gar nicht den Eindruck, den Fürsten eines fremden Landes sprechen zu hören, wenn Herbert z. B. von dessen Versicherungen spricht, den von ihm projektierten Besuch beim Zaren ja nicht falsch aufzufassen, etwa als ein Abrücken von Österreich 131). Bestand einerseits nach diesen und ähnlichen Schritten der serbischen Staatsmänner kein Zweifel über ihre Gesinnungen, so hatte sich anderer­seits Haymerle auch schon ein Bild über die serbischen Verhältnisse auf Grund der Berichte Herberts und aus den ausgesuchten Presseartikeln zurechtgelegt. Die Hauptvorwürfe, mit denen die serbische Opposition gegen die Regierung und ihre Politik operierte, bestanden im Ausmalen der Gefahr, daß Österreich auf wirtschaftliche und auch politische Einverlei-

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