Mitteilungen des Österreichischen Staatsarchivs 3. (1950) – Leo Santifaller Festschrift
GOLDINGER, Walter: Von Solferino bis zum Oktoberdiplom
Ton Solferino bis zum Oktoberdiplom 117 beim Kaiser vorgebracht hat. Er war ja der einzige jenes Adelskreises, der kraft seines Amtes unmittelbar die Gestaltung der Dinge übersehen und auf sie einwirken konnte x). Wie schwierig die Stellung Thuns indes geworden war, zeigen seine immer häufiger auftretenden Demissionsabsichten. Auch in einer Audienz beim Kaiser am 18. Dezember war davon die Rede 2). Lebhaft beklagte Thun, daß seit August nichts geschehen sei. Es gebe műdre i Möglichkeiten, zu einer Lösung der Krise zu kommen: Konstitution, Gewaltherrschaft nach dem Muster Napoleons oder „Rückkehr zu Rechtsideen auf autonomer Grundlage'1. Für das erste sei Bruck der berufene Mann, für das zweite Goluchowski, für die dritte Möglichkeit müßte Clam herangezogen werden. Dessen Stellung würde immer schwieriger, immer stärker erhebe sich die Gefahr, daß er in den Geruch eines Vorkämpfers für frondierende Adelskreise kommen könnte. Thun selbst beklagt dabei den Umstand, daß er vor lauter Konferenzen und Beschäftigung mit politischen Fragen kaum mehr Zeit für die Leitung seines Ressorts finde und bittet den Kaiser um die Erlaubnis, sich im Einvernehmen mit Clam für die Bildung eines Ministeriums in naher Zukunft vorbereiten zu dürfen. Wenn man allerdings in der ungarischen Frage und hinsichtlich des Gemeindegesetzes auf dem eingeschlagenen Wege fortfahren wolle, könne er nicht bleiben. In den ersten Monaten des Jahres 1860 versuchte man zunächst, die Protestantenfrage in Ungarn zu bereinigen. Ohne Erfolg. Die Berufung von Vay und Pr ónay nach Wien und die Geheimkonferenzen die mit ihnen abgehalten wurden, konnten schon deswegen nicht zum Ziele führen, weil ihnen von vorneherein bestimmte Bedingungen gestellt worden waren, zu denen auch jene Voraussetzung zählte, daß man sie nur als Privatpersonen, nicht als Vertreter und Beauftragte bestimmter Kreise, ja nicht einmal des ungarländischen Protestantismus als solchen ansehen könne3). Auch der Versuch *) *) D 527. 2) D 532. 3) Konzept eines Briefes Rechbergs an Vay vom 30. Jänner 1860 im Nachlaß Rechberg, a. a. O., Fasz. 524, g 1. Der Kaiser habe es abgelehnt, Prönay und Vay die sich in ihrer Eingabe als Präsidium der protestantischen Deputierten bezeichnet hatten, zu empfangen. Er sei nur bereit, beide Herren einzeln als Privatmänner zu empfangen. Als Bedingung war auch gestellt worden, daß über die ganze Angelegenheit in der Presse kein Lärm geschlagen werde. Abschrift einer Depesche des Erzherzogs Albrecht im Nachlaß Thun D 555. Ein Protokoll über die Konferenz ebendort D 558. Es drangen aber doch Nachrichten in die Öffentlichkeit, die auch zum Vorwurf der Indiskretion gegen Vay und Prönay