Mitteilungen des Österreichischen Staatsarchivs 3. (1950) – Leo Santifaller Festschrift
GOLDINGER, Walter: Von Solferino bis zum Oktoberdiplom
Von Solferino bis zum Oktoberdiplom 115 gefunden. Tatsächlich beweisen viele Korrespondenzen in seinem Nachlaß, daß nicht nur ein beträchtlicher Teil der ungarländischen evangelischen Geistlichkeit, sondern auch bedeutende Stimmen aus dem protestantischen Deutschland den Absichten Thuns gerecht wurden. Den Widerstand, der in Ungarn entfacht wurde und der so bedrohliche Formen angenommen hatte, schrieb Thun dem Terrorismus der Magyaren zu, die neue Ordnung müsse aber „die deutschen und slawischen Lutheraner von der magyarischen Tyrannei emanzipieren“. Allerdings, die besten Absichten, die man Thun wohl wird zubilligen dürfen, waren zum Scheitern verurteilt, die große Politik, die ungeklärte Verfassungsfrage in Ungarn trugen den Sieg davon über den österreichischen Kultusminister, der mit dem Patent vom 1. September 1859 im Grunde genommen über den Rahmen seines Ressorts nicht hatte hinaustreten wollen. Es war also die ungarische Frage, die der österreichischen Innenpolitik jener Tage immer stärker ihren Stempel aufdrückte. Der Rücktritt Hübners, der mit seinem Vorschlag der Bestellung eines ungarischen Hofkanzlers, der aber unter dem Minister des Innern zu stehen hätte, und der Einberufung eines ungarischen Landtages nicht durchgedrungen war x), erhöhte die Schwierigkeiten. Hinter der Gefahr der Anarchie in Ungarn erhob sich drohend das Gespenst des finanziellen und politischen Bankrotts im ganzen Reich. Die Stellung Brucks als Finanz minister war schwer erschüttert, seine anfängliche Weigerung, dem Projekt einer Staatsschuldenkontrollkommission zuzustimmen, mußte das Mißtrauen, das in den Adelskreisen gegen ihn gehegt wurde, nur steigern. In einer Konferenz beim Kaiser wurde einmütig sein Rücktritt verlangt, anscheinend ließ sich aber kein geeigneter Nachfolger finden. Thun ergeht sich in seinen Aufzeichnungen in heftigen Ausdrücken über Brucks angebliche Unredlichkeit in der Sache der Überschreitung des Nationalanlehens, muß aber schließlich grollend feststellen: „Und dennoch bleibt er im Amt, damit er nicht durch Bekanntmachung der ah. Entschließung den Kaiser kompromittiert“ 2). In dieser gefährlichen Lage suchte Thun nach Lösungen. In einem Memorandum, das er im Spätherbst 1859 an Clam schickte, stellt er Erwägungen darüber an, wie weit die Opposition in Ungarn von x) D 527. Vgl. auch die Tagebucheintragung Kempens zum 28. Oktober. J. K. Mayr, Das Tagebuch des Polizeiministers Kempen. September bis Dezember 1859. Historische Blatter, hrsgg. vom Haus-, Hof- und Staatsarchiv, 4 (1931), 84 f. 2) D 520.