Mitteilungen des Österreichischen Staatsarchivs 3. (1950) – Leo Santifaller Festschrift

GOLDINGER, Walter: Von Solferino bis zum Oktoberdiplom

Von Solferino bis zum Oktoberdiplom 111 Kriegszustand herbeiführen. Als unerläßliche Voraussetzung habe daher eine Verständigung mit Ungarn zu gelten. Clam und Thun huldigten ja doch der Meinung, daß die ungarische Opposition zum Teil berechtigt sei, insofern sie sich nämlich gegen den Liberalismus und die Bürokratie richte. Die Mehrheit der Hochadeligen war sich klar, daß ein einfaches Anknüpfen an die Zustände vor 1848 nicht mehr möglich sei. Was sie anstrebten, war die Ausscheidung des Großgrundbesitzes aus dem Gemeindeverband und auch dann fürchteten sie, in den Bezirks­verbänden von den Bauern (Dorfrichtern) majorisiert zu werden. Resigniert stellte Wolkenstein fest: Könnten die Gutsbesitzer nicht die Autorität sein, dann müßte man eben die Beamten beibehalten. Und Thun sprach die Befürchtung aus, daß dann ,,das destruktive Element, an dem wir gegenwärtig leiden, auch in den neuen Organismus hineinkommt“. Den weitesten Abstand von den Anschauungen und der Auffassung der alten Adelswelt hatte Graf Rechberg erreicht, der erklärte, sein Vorschlag auf Festsetzung eines Zensus beabsichtige dem Großgrundbesitz einen Einfluß zu sichern, nicht dem Adel als solchen. Der Kaiser entschied, daß auch noch die Minister gehört werden sollten, der nächsten Sitzung wohnten daher auch Bruck und Nádasdy bei. Auch Hübner wurde von da ab zugezogen. Eine Wendung trat alsbald dadurch ein, daß Clam, Thun und Wolkenstein ihre von der Mehrheit abweichenden Anschauungen schriftlich niederlegten und Clam und Wolkenstein fernerhin an den Beratungen nicht mehr teilnahmen, Clam überdies seine hohe Beamten­stelle in Galizien zurücklegte 1). Goluchowski war eben schon im Kommen und es versteht sich, daß Thun in der Niederschrift eigener Betrachtungen zur Lage feststellte, Clam hätte einen Minister des Innern, der andere Wege als er empfohlen hatte, gehen würde, nicht unterstützen können und würde so als Statthalter in Krakau — eine solche Stellung hatte er tatsächlich eingenommen — den Vorgesetzten Minister nicht unterstützen können. Den Rücktritt bis nach der Ministerernennung aufzuschieben, hätte zu sehr den Anstrich des Oppositionellen gehabt. Thun nahm sich dabei vor, dahin zu wirken, daß Clam nicht müßig werde, etwa nur den Privatgeschäften, der x) Nachlaß Thun: D 516. Am 6. August vermerkte allerdings Kempen noch in seinem Tagebuch, daß Thun Innenminister, Clam Unterrichtsminister und Wolkenstein Ministerpräsident würden. Das Tagebuch des Polizei­ministers Kempen von 1848—1859 eingeleitet und hrsgg. von Josef Karl Mayr (1931), 526.

Next

/
Thumbnails
Contents