Mitteilungen des Österreichischen Staatsarchivs 3. (1950) – Leo Santifaller Festschrift
GOLDINGER, Walter: Von Solferino bis zum Oktoberdiplom
Yon Solferino bis zum Oktoberdiplom 109 hervorgetreten, die sich naturgemäß ziemlich voneinander unterschieden, jedoch beide auf die Richtung, die die Ereignisse nunmehr nahmen, wenig Einfluß hatten. Ganz anders die Anschauungen des Grafen Leo Thun und seines Kreises, der nunmehr das Gesetz des Handelns an sich zog. Damals hat Thun dem Kaiser mündlich folgende Ratschläge gegeben 1): 1. Sich niemals bewegen zu lassen, Leuten, die nicht durch Charakter und unbedingte Wahrhaftigkeit und Ehrlichkeit und unbedingte Uneigennützigkeit Achtung gebieten, ihrer Geschicklichkeit und Gewandtheit wegen in leitenden Stellungen zu verwenden. 2. Wer im bezug auf Charakter und Befähigung nicht mehr hochgeachtet werde, sei zu entlassen. „Nichts ruiniert den Dienst mehr als die Belassung geringgeschätzter Organe.“ 3. Wer aber Vertrauen hat, dessen Autorität sei zu achten. Man zwinge ihn nicht, in Dingen von geringer Bedeutung gegen seine Ansicht zu handeln. Niemals möge der Kaiser, außer in Gnadensachen, gegen seinen Antrag entscheiden, ohne ihn gehört zu haben. 4. Auf Anträge der Minister seien immer bestimmte Antworten zu erteilen. „Keine Orakelsprüche, aus denen sich die ah. Willensmeinung über das einzuhaltende Verfahren nicht erraten läßt; keine negativen Entschließungen in Dingen, in denen doch etwas geschehen muß.“ Die beiden ersten Punkte sind wohl gegen Bach und Bruck gerichtet, die beiden weiteren beleuchten das Regierungssystem Franz Josephs im ersten Jahrzehnt seiner Herrschaft und die Rückwirkung auf seine Minister. Diese haben, weit entfernt, sich als verantwortlich im konstitutionellen Sinn betrachten zu wollen, doch darunter gelitten, nur als Verwalter ihrer Ressorts betrachtet zu werden, ohne in persönlicher und staatsmännischer Hinsicht für den Gang der Politik eine Mitverantwortung tragen zu dürfen. Darob hat Thun schon 1851 seinen Rücktritt erwogen und bezeichnenderweise schon damals, bevor es, wie am Ende des Jahrzehnts nach den Ergebnissen der Bach’schen Verwaltungsorganisation in weiten Kreisen Mode wurde, gegen die Bürokratie und ihre Mißstände zu Felde zu ziehen, auf eine Gefahr hingewiesen, die mit dem Absolutismus und dem bürokratischen System verbunden war. Er sah die Zeit kommen — die Erfahrungen des Vormärz dürften dabei eine Rolle spielen —, „daß die höchsten Beamten die gefährlichsten, wenn auch geheimen Tadler der Regierung 9 9 D 515.