Fekete Ludwig: Türkische schriften aus dem Archive des Palatins Nikolaus Esterházy (Budapest, 1932)

Einleitung

schliesst nach wiederholter Versicherung seiner Ergebenheit und vielen untertänigen Grüssen gewöhnlich mit der stereotypen Formel seinen Brief: „Befehl und Macht gehören meinem Herrn, dem Sultan", oder: „Übrigens Segen und Gebet" (nämlich für jenen, an den der Brief gerichtet ist). Schliesslich passt sich dieser Tonart auch das Siegel der Briefe an. Unter den etwa 100 Siegellegenden, die in den Briefen vor­kommen und im folgenden auch in der Originalsprache veröffentlicht werden sollen, gibt es kaum einige, die in hochmütigem Tone abge­fasst wären und auf die Verdienste und die Macht ihres Herrn hin­weisen würden. Man kann also sagen, es zeugen beinahe alle Legenden von Hingebung und Unterwürfigkeit gegenüber Allah, ja sogar gegen­über den Menschen. Entsprechend dem Unterwürfigkeitsverhältnis, das die einzelnen Familienmitglieder miteinander verbindet, ist auch der Ton der zwischen den Familienmitgliedern gewechselten Briefe ausserordent­lich warm und herzlich. Der Sohn spricht seinen Vater mit „Sultan" an und bezeichnet sich selbst gegenüber dem Vater als Sklave: kul. Auch als erwachsener Mann erkundigt er sich noch mit Liebe nach der Mutter und wetteifert darin, ihr alles Gute zu vergelten, das er von ihr im Leben empfangen hat. Der Gatte sorgt liebevoll für seine Frau, nicht minder für die alte, wie für die junge: käcäk kadin — böjäk kadin, sendet ihr Lebensmittel und verehrt ihr Geschenke (einfache Leute bevorzugen Messer und Scheren als Geschenke). Der Vater zeigt sich um das Schicksal seines Sohnes besorgt und bittet seine Verwandten, den Knaben während seiner Abwesenheit zu beaufsichtigen, seine Erziehung zu überwachen und ihn zur Arbeit anzuhalten, damit er der­einst ein tüchtiger Mensch werde. — Zornesausbrüche und Scheltworte kommen nur in einem einzigen Briefe vor, dann aber mit dem ganzen zornigen Ungestüm eines Menschen, der sich betrogen fühlt. Von die­sem einen Falle abgesehen, zeugen die Briefe stets von aufrichtiger Liebe, die bei allerernsten liebevollen Fürsorge doch auch den rich­tigen Ton zum Spassen findet. So schickt jemand — sein Name ist nebensächlich — seinen Mantel nach Hause und beruhigt die Seinigen damit, dass er seine Taschen voll Glückwünsche habe: „wenn sie unter­wegs nicht herausrinnen, werden sie eine gute Zeitlang ausreichen." Im Briefverkehr zwischen Familienmitgliedern ist dieser warme Ton schliesslich ganz natürlich; er hat sich jedoch auch im schrift­lichen Verkehr zwischen Amtspersonen geltend gemacht. Dass sich auch hier ähnliche Formeln und Redewendungen herausgebildet haben,

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