Fekete Ludwig: Türkische schriften aus dem Archive des Palatins Nikolaus Esterházy (Budapest, 1932)
Einleitung
kennen wir nicht einmal ihren Namen, wenn sie sich bloss als „der bekannte Freund" unterschreiben; dies alles ist aber nur von untergeordneter Bedeutung. Wichtig ist, dass sie aufrichtig und voll Vertrauen zueinander sprechen, dass sie eingehend über alltägliche Beschwerden berichten und einander Vorfälle und Ereignisse melden, die aus sonstigen Quellen nicht zu entnehmen sind. Eigentlich stellen diese Schriftstücke einen Quellentypus dar, dessen die Geschichtsforschung dringend bedarf, mit dessen Hilfe die Kulturgeschichte der Türken in Ungarn dargestellt werden könnte. Es ist sehr schade, dass in diesen Briefen meist weder der Ort noch der Zeitpunkt der Abfassung genannt wird. Wir müssen die Entstehungszeit der Briefe aus deren Inhalt folgern, was aber nicht immer gelingt. Da aus diesem Grunde ihre Anordnung in chronologischer Reihenfolge oft unmöglich ist, erscheinen sie auch in der vorliegenden Arbeit nach den korrespondierenden Personen, nach ihren inhaltlichen Zusammenhängen gruppiert. Im Mittelpunkt eines Teils dieser Briefe steht ein gewisser Ibrahim Pascha. Dieser dürfte ein Abkömmling der Bosniakenfamiüe Sokollu (Sokolovitsch) sein, deren Angehörige schon seit der Mitte des XVI. Jahrhunderts im Dienste der Pforte standen und hauptsächlich in den europäischen Provinzen des Reiches hohe Würden innehatten. Unter anderen stammten auch Sokollu Mehmed, Grossvezir in den Jahren 1565—1579, und Mustafa, Ofner Bejlerbej in den Jahren 1566—1578, von dieser Famüie ab. Ibrahim bekleidete — soweit seine Privatbriefe auf einzelne Momente seiner Laufbahn schliessen lassen — in den ersten Jahrzehnten des XVII. Jahrhunderts in Kanizsa, dann (vielleicht zweimal) in Bosnien, Rumiii und Eger (Erlau) das Amt eines Bejlerbejs. In dieser höheren Würde war er wahrscheinlich zum ersten Mal in Kanizsa tätig. 1 Im Jahre 1623 berief ihn der Befehl der Pforte aus Bosnien zur Unterstützung Bethlens nach Oberungarn. Er ist derselbe Ibrahim, der im Herbst dieses Jahres auch Mähren durchstreifte und Tausende von Gefangenen zusammentrieb, während seines Rückzuges aber, von 1 Zur Zeit als er in Bosnien diente, dürfte er im rüstigsten Alter gewesen sein, da er damals den Beinamen deli 'Held, tollkühn' führte; später wird er als serhös 'Trunkenbold' erwähnt, endlich im höheren Alter, zur Zeit seines Dienstes in Transdanubien, heisst er kodza gäzi 'der alte Glaubensstreiter'.