Komjáthy Miklós: Protokolle des Gemeinsamen Ministerrates der Österreichisch-Ungarischen Monarchie (1914–1918) (Magyar Országos Levéltár kiadványai, II. Forráskiadványok 10. Budapest, 1966)

Einleitung: Die Entstehung des gemeinsamen Ministerrates und seine Tätigkeit während des Weltkrieges

der Fülle dieses Materials möchte ich die Aufmerksamkeit nur auf eine Parallele und einige Daten lenken. Die Tagesordnung der nach Kriegsausbruch abgehaltenen ersten gemeinsamen Ministerkonferenzen wurde fast gänzlich durch die Erklärungen der Außen­minister über die außenpolitische Lage und die anschließenden Bemerkungen und Vorschläge der Konferenzteilnehmer ausgefüllt. Diese Situationsberichte und die anschließenden Debatten enthielten kaum ein reales Element. In den meisten Fällen haben die Minister ihre weiteren Folgerungen gar nicht auf die eigenen, sondern auf die außenpolitischen Schachzüge anderer Mächte und die davon erhoffte Änderung in der Konstellation aufgebaut. Es waren dies von illusionisti­schen Voraussetzungen ausgehende »hochpolitische« Erörterungen, die sich anfangs darum drehten, wie die Aktion der Monarchie gegen Serbien im Rahmen einer Strafexpedition gehalten werden könnte; als sich diese Hoffnung dann bald als irreal erwies, wurde die Jagd auf Neutrale zu immer aussichtsloseren und sich von der Wirklichkeit immer mehr entfernenden Debatten in luftleerem Raum. Keine Spur einer Erörterung der realen Grundlagen der Kriegführung und einer expansiven Außenpolitik. Besonders wurde niemals die vielfältige, bunte Kultur der Völker der Monarchie und der beispiellose, einander harmonisch ergänzende Reichtum ihrer Länder an Rohmaterialien in Rechnung gezogen. Die Probleme einer wirtschaftlichen »Planung« der Kriegführung tauchten erst auf, als es schon zu spät war. Eingangs war oft davon die Rede, wie das höchste geschäftsführende Organ der Habsburgmonarchie hinter den Kriegsereignissen zurückblieb. In demselben Maße wie das Tempo der Kriegsereignisse zunahm, verminderte sich die Möglichkeit, die Anforderungen des Krieges, in erster Linie der in schwindeler­regendem Tempo anwachsenden Anforderungen der Kriegstechnik (vom Auffen­berg-Programm bis zum Hindenburg-Programm) durch die Wirtschaft der Doppel­monarchie auch nur annähernd befriedigen zu können. Dieses beispiellose Zurück­bleiben zeigte sich schließlich in kläglichen Symptomen. Der gemeinsame Minister­rat vom 29. Juni 1917 wurde von Kaiser und König Karl mit der Erklärung eröffnet, es sei ein Lebensinteresse der Monarchie, ihre Volkswirtschaft vor einer Katastrophe zu bewahren. 282 Der späte Nachkomme Rudolfs von Habsburg, Karls V., Ferdinands II. und Maria Theresias versuchte, sich in die Analyse der Kartoffel- und Grünzeugpreise in Österreich und in Ungarn vertiefend, den Aus­weg aus der Katastrophe zu suchen. Auf dem Verhandlungstisch des höchsten Regierungsorgans des Habsburgreiches, wo so viel darüber gesprochen wurde, welches die Bedingungen der Großmachtstellung der Monarchie seien, wurde ein Beschluß über den unmittelbaren Warenaustausch zwischen der mit dem Hunger kämpfenden Industriearbeiterschaft und der unter dem Mangel an Industrie­artikeln, Petroleum und Salz leidenden Bauernschaft gefaßt. 283 Zu Beginn des Krieges (und noch weniger vor dem Kriege) kam in den gemeinsamen Minister­konferenzen das Problem, wie für die gigantischen Kraftanstrengungen eine wirt­schaftliche Basis geschaffen werden könnte, gar nicht zur Sprache. Die Beratungen des gemeinsamen Ministerrates waren mit Problemen der »hohen Politik« ausge­füllt, die selbst die verbündeten Deutschen für irreal hielten. Und inzwischen waren die wirtschaftlichen Grundlagen im Leben Österreich-Ungarns auf die

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