Komjáthy Miklós: Protokolle des Gemeinsamen Ministerrates der Österreichisch-Ungarischen Monarchie (1914–1918) (Magyar Országos Levéltár kiadványai, II. Forráskiadványok 10. Budapest, 1966)

Protokolle

Der Vorsitzende eröffnet die Sitzung indem er bemerkt, der Ministerrat sei einberufen worden, um über die Massnahmen zu beraten, welche zur Sanierung der anlässlich der Katastrophe in Sarajevo zutage getretenen innerpolitischen Übelstände in Bosnien und der Herzegowina angewendet werden sollten. Es gäbe seiner Ansicht nach verschiedene interne Massnahmen in Bosnien selbst, deren Anwendung ihm gegenüber den krisenhaften Zuständen geboten erscheine; vorerst sollte man sich aber klar werden, ob der Moment nicht gekommen sei, um Serbien durch eine Kraftäusserung für immer unschädlich zu machen. Ein solcher entscheidender Schlag könne nicht ohne diplomatische Vorbereitungen geführt werden, daher habe er mit der deutschen Regierung Fühlung genommen. Die Besprechungen in Berlin hätten zu einem sehr befriedigenden Resultate geführt, indem sowohl Kaiser Wilhelm als Herr von Bethmann-Hollweg uns für den Fall einer kriegerischen Komplikation mit Serbien die unbedingte Unter­stützung Deutschlands mit allem Nachdrucke zugesichert hätten. Nun müssten wir noch mit Italien und Rumänien rechnen und, da sei er in Ubereinstimmung mit dem Berliner Kabinet der Ansicht, dass es besser wäre zu handeln und etwaige Kompensationsansprüche abzuwarten. Er sei sich klar darüber, dass ein Waffengang mit Serbien den Krieg mit Russland zur Folge haben könnte. Russland treibe aber gegenwärtig eine Politik, die, auf lange Sicht berechnet, den Zusammenschluss der Balkanstaaten, inbegriffen Rumänien, zum Zwecke hat, um dieselben sodann im geeignet scheinenden Mo­mente gegen die Monarchie ausspielen zu können. Er sei der Ansicht, dass wir uns darüber Rechenschaft geben müssen, dass unsere Situation sich einer solchen Politik gegenüber immer mehr verschlechtern müsse, umsomehr, als ein untätiges Gewährenlassen bei unseren Südslaven und Rumänen als Zeichen der Schwäche ausgelegt werden müsste und der werbenden Kraft der beiden angrenzenden Staatswesen Vorschub leisten würde. Die logische Folge, die sich aus dem Gesagten ergebe, wäre, unseren Gegnern zuvorzukommen und durch eine rechtzeitige Abrechnung mit Serbien den bereits in vollem Gange befindlichen Entwicklungsprozess aufzuhalten, was später zu tun nicht mehr möglich sein würde. Der kgl. ung. Ministerpräsident stimmt damit überein, dass die Lage sich in den letzten Tagen durch die in der Untersuchung fesgestellten Tat­sachen und durch die Haltung der serbischen Presse verändert habe und betont, dass auch er die Möglichkeit einer kriegerischen Aktion gegen Serbien für näher gerückt halte. Er würde aber einem überraschenden Angriff auf Serbien ohne vorhergehende diplomatische Aktion, wie dies beabsichtigt zu sein scheine und bedauerlicherweise auch in Berlin durch den Grafen Hoyos besprochen wurde, niemals zustimmen, weil wir in diesem Falle, seiner Ansicht nach, in den Augen Europas einen sehr schlechten Stand hätten und auch mit grosser Wahrschein­lichkeit mit der Feindschaft des ganzen Balkans — ausser Bulgariens — rechnen müssten, ohne dass Bulgarien, welches gegenwärtig sehr geschwächt sei, uns entsprechend unterstützen würde. Wir müssten unbedingt Forderungen gegen Serbien formulieren und erst ein Ultimatum stellen, wenn Serbien sie nicht erfülle. Diese Forderungen

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